https://www.faz.net/-gyl-9rqyc

Digitalisierung : Der bildungsferne Campus

  • -Aktualisiert am

Der humanoide Roboter Pepper (hier mit IBM-Forscher John Cohn) bietet sich derzeit an den Unis als Lehrassistent an. Bild: Dominik Gierke

Bund und Länder rufen an Schulen und Unis die Ära der digitalen Bildung aus. Die Lehrkonzepte bilden aber vor allem die Interessen der IT-Wirtschaft ab. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Caution Students. Summit ahead“, schrieben empörte amerikanische Eltern in Kansas auf Plakate und meldeten ihre Kinder aus den öffentlichen Schulen ab, nachdem dort die Facebook-Lernsoftware Summit eingeführt worden war. Die Kinder klagten über Kopfschmerzen und Handkrämpfe und fragten nach Kopfhörern, um Ruhe vor anderen Kindern zu haben, die Videos schauten. Denn bei Summit sitzt jedes Kind allein vor seinem Laptop, ruft Lernstoff online ab, schaut Filme und Animationen an und beantwortet Quizfragen. Gemeinsamer Unterrichtet ist abgeschafft.

          Propagiert wird diese Form des sozial isolierten Lernens als personalisiertes und adaptives Lernen. Mit adaptiv bezeichnet man dabei nicht Lernprozesse, sondern Software, die das Nutzerverhalten auswertet, darin charakteristische Muster erkennt und daraus berechnet, was der Lernende als Nächstes tun soll. Lernstoff und Ziel sind vorgegeben, die Lernwege werden mit Hilfe einer kleinteiligen Lernstandsmessung angepasst. Erfolgreich sind solche Projekte vor allem für Anbieter, die so auf Schülerdaten zugreifen und immer exaktere Lern- und Persönlichkeitsprofile auf Basis immer größerer Datenmengen generieren können.

          Das amerikanische Unternehmen Pearson, nach eigenem Verständnis „The World’s Learning Company“, ist ein Beispiel für solche kommerziellen, digitalisierten Bildungsangebote auf Basis von Nutzerdaten. Das Unternehmen, das auch auf dem deutschen Bildungsmarkt expandiert, investierte zwischen 2011 und 2017 rund 33 Millionen Dollar in die adaptive Software Knewton, ein Lernwerkzeug, das laut Gründer und früherem Geschäftsführer, Jose Ferreira, noch mehr Daten über Nutzer sammelt als Google. Heute entwickelt Pearson diese Analyse-Werkzeuge selbst weiter.

          Bildungsinstitutionen im Visier der Datensammler

          Darum geht es schließlich, wenn eine digitale Infrastruktur mit permanentem Rückkanal installiert wird: um Daten für die automatisiere Auswertung von Nutzerverhalten mit dem Ziel der Verhaltenssteuerung der Nutzer per Web und App. Die Begriffe dafür sind affective computing, also Gefühlsvermessung, und persuasive Technologien, mit deren Hilfe Einstellungen und Verhalten von Personen auch unbemerkt verändert werden können. In Verbindung mit der Logik und dem strategischen Handeln der Datenökonomie haben sich daraus IT-Monopole und weltweite Netzstrukturen zu einem Überwachungskapitalismus entwickelt.

          Neben dem Gesundheitswesen sind Bildungsinstitutionen im Visier der Datensammler. Zwar kann nicht das Lernen selbst digitalisiert werden, denn kein Mensch lernt digital. Automatisiert werden kann aber das Beschulen und kleinteilige Prüfen. Für Schulen ist es ein Paradigmenwechsel: weg von der Pädagogik, hin zur datengestützten Schulentwicklung.

          Das Auswerten personenbezogener Daten ist das eine, der Aufbau und Unterhalt der IT-Infrastruktur für Schulen und Hochschulen das andere überaus attraktive Geschäftsfeld. Der 2016 von der damaligen Bildungsministerin Johanna Wanka lancierte Digitalpakt Schule ist seit Mai 2019 in Kraft. Rund vierzigtausend Schulen dürfen jetzt Anträge schreiben, in denen sie darlegen müssen, wie sie mit Laptops und Tablets, Whiteboards und Internet arbeiten wollen. Und sie müssen verbindlich zusichern, diese technische Infrastruktur auf eigene Kosten zu ersetzen, wenn der Pakt in fünf Jahren ausläuft. So sichert man sich, dank Digitalpakt Schule, schon einmal den Zugriff auf künftige Schuletats.

          Lesen lernen geht besser mit Büchern

          Das verwundert um so mehr, als Nutzen und Evidenz netzbasierter Lehr- und Lernformate nicht belegt sind. Im Gegenteil: 2017 veröffentlichte beispielsweise die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft das Gutachten „Bildung 2030“ und forderte, dass Schulen digitaler werden müssten. Grundschüler wiesen in Mathematik und Naturwissenschaften angeblich „statistisch signifikant höhere Kompetenzen“ auf, wenn sie einmal pro Woche Computer im Unterricht nutzten. Dumm nur: In der zitierten Studie steht „niedrigere Kompetenzen“. Der Fehler im Gutachten wurde korrigiert, die Forderung nach Digitalisierung nicht.

          Im gleichen Jahr publizierte die Kultusministerkonferenz eine Pressemeldung mit dem Titel „Erfolgreicher Unterricht ist digital – aber nicht ausschließlich“. Die Studie selbst ist bis heute nicht publiziert, nur eine 28-Seiten-Broschüre. Dort steht jedoch nichts von „digitalem Unterricht“, sondern von digitalen Medien in der Sekundarstufe in Mathematik und Naturwissenschaften, die begleitend zum Präsenzunterricht für Selbstlernphasen eingesetzt werden können, sofern Voraussetzungen erfüllt sind: Lehrkräfte sind im Einsatz dieser Medien geschult, betreuen die Übungsphase, und die Schüler arbeiten in Gruppen. Dieser Medieneinsatz ist nicht an ein technisches Format (analog/digital) gebunden, sondern an gut strukturierten Präsenzunterricht im Wechsel mit Übungseinheiten und Gruppenarbeit. Es ist exakt das Gegenteil von dem, was Facebook mit Summit Learning oder Pearson mit Online-Kursen anbieten.

          Dazu passt eine aktuelle Studie, die darauf hinweist, dass die Leseleistungen beim Lesenlernen mit Tablets geringer sind als beim Lesenlernen mit Büchern. Dieser negative Effekt verstärkt sich, je früher Kinder Tablets nutzen (Bouygues, 2019). Finanziert werden mit dem Digitalpakt: Tablets.

          Eingriff in die Autonomie der Hochschulen

          Gleichwohl arbeitet die Kultusministerkonferenz bei den „Empfehlungen zur Digitalisierung der Hochschullehre“ (März 2019) mit der gleichen Strategie. Die von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission Forschung und Innovation schlägt laut Jahresgutachten 2019 die Einführung einer Digitalisierungspauschale vor. Hochschulen sollen pro Student einen fixen Betrag zu Anwendung, Unterhalt und Ausbau ihrer digitalen Infrastruktur und Weiterentwicklung digitaler Lehr- und Lernangebote erhalten. Zweckgebundene Mittelzuweisungen schaffen Fakten.

          Welche inhaltlichen Angebote aus Sicht der Wirtschaft damit verbunden sein sollten, steht in der Studie „Future Skills: Strategische Potentiale für Hochschulen“, die der Stifterverband mit der Unternehmensberatung McKinsey herausgegeben hat. In allen Studiengängen müssten digitale Fachkenntnisse vermittelt und verstärkt Online-Lern-Werkzeuge eingesetzt werden. Gefragt seien transdisziplinäre Studiengänge sowie digitale, netzbasierte Lehr- und Lernformate.

          Solche Konzepte greifen tief in die Autonomie der Hochschulen wie der Dozenten ein. Denn laut KMK-Papier sollen Dozenten für ihre Fachdisziplinen digitale Elemente in ihre Lehre integrieren und digitale Lern- und Lehrformate entwickeln oder bei der Akkreditierung von Studiengängen „digitale Kompetenz“ curricular in allen Studiengängen verankern. Mit solchen Forderungen werden sowohl die verfassungsmäßig garantierte Freiheit der Lehre und Forschung als auch die Methodenfreiheit und das Grundrecht auf Freiheit der Berufsausübung in Verbindung mit dem Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit unterlaufen. Die Forderung der Kultusminister, Bund und Länder müssten neben den notwendigen Rahmenbedingungen auch für die Vernetzung der Länderprojekte sorgen, missachtet zudem das Prinzip des Bildungsföderalismus.

          Es geht auch offline

          Statt aktuelle Technik in die Schulen zu drücken, die in zwei, drei Jahren kostenpflichtig als Elektronikschrott entsorgt werden muss, wäre die Vermittlung von logischen Denkstrukturen und sprachlichem Vermögen geboten. Dazu braucht man weder Rechner noch das Netz. Digital- und Medienkompetenz, vom Coding bis zur vollständigen Medienproduktion, kann man, pädagogisch sinnvoll und datenschutzrechtlich gesichert, an PCs oder Laptops offline im lokalen Intranet lernen, ohne ein Bit an Schülerdaten ins Netz zu verlieren. Es gibt durchaus technische Lösung für den reflektierten Einsatz von IT in Schulen und Universitäten, die sich den Forderungen der Datenökonomie nicht unterordnen.

          Es wird Zeit, darüber Auskunft zu geben, dass die Digitalisierung von Schulen und Hochschulen nachweislich weder zu mehr Bildungsgerechtigkeit führt, wie aus der OECD-Studie zu Resilienz von 2018 hervorgeht, noch beim Lehren und Lernen hilft, wie die Hattie-Studie von 2018 belegt, sondern das Geschäftsfeld der Global Education Industries bedient. Das fordert von der Bildungspolitik den Mut, sich aus dem dichten Netzwerk aus IT- und Wirtschaftsverbänden, Stiftungen und Vereinen zu befreien, denen es im eigenen Interesse gelungen ist, das Dogma der Digitalisierung zu verankern. Die Politik muss die Universitäten und Schulen wieder auf die Ziele von Studenten und Schülern ausrichten.

          Weitere Themen

          Wie malte man gute Kriege? Video-Seite öffnen

          Meine Dissertation : Wie malte man gute Kriege?

          Laura Albers erforscht die rätselhaften Deckenmalereien in einer riesigen Residenz in der fränkischen Provinz. Wie versteht man diese mächtigen Bilder, wie bewältigt man seine Doktorarbeit? Ein Schlossbesuch.

          Topmeldungen

          Vor dem CDU-Parteitag : Wer wird Kanzlerkandidat?

          In Leipzig wird das große Schaulaufen zwischen Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz erwartet. F.A.Z.-Ressortleiter Jasper von Altenbockum verrät im Video die Chancenverteilung und wen man nicht vergessen darf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.