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Digitales Sommersemester : Im Rausch der Online-Lehre

  • -Aktualisiert am

Analog und digital: Studenten an der Universität Leipzig Bild: Jens Gyarmaty

Im Digitalsemester 2020 werden Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert. Der kostensparende Umbau der Hochschulen wird still vorangetrieben. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Wie viele andere Universitätslehrkräfte erhielt ich kürzlich eine offizielle E-Mail, in der mir mitgeteilt wurde, dass „der Start des digitalen Sommersemesters vor der Tür steht“. Das klingt ein wenig wie die vorweihnachtlichen Versprechungen, dass die Adventszeit nun vor der Tür steht und die Feiertage nicht mehr fern sind, oder wie die vorbereitenden Warnungen der Schokoladenfabrikanten, dass Ostern vor der Tür steht und man rechtzeitig daran denken soll, Schokohasen zu horten. Gemeint ist mit all diesen Ankündigungen wohl, dass man am Kalender leicht ablesen könne, dass eine Reihe von besonderen Tagen nicht mehr fern ist und dass diese Tage unaufschiebbar kommen werden. Man deckt sich dann mit Schokoladenvorräten ein, bestellt Filme, füllt den Kühlschrank und harrt der Dinge die da kommen werden, die immer schon so gekommen sind und auch weiterhin so kommen werden.

          Im Falle des „digitalen Sommersemesters“ wird ein ähnliches Verhalten vorgeschlagen: Professoren und Lehrbeauftragte sollen ihre Internetverbindungen überprüfen, zusätzliche Computer kaufen, System-Updates durchführen, sich auf eine Zeit der Klausur einstellen und der Dinge harren, die da kommen werden. Das Weihnachtsgeschenk, das die Universität uns verspricht, ist eine Software namens Zoom, die es uns ermöglichen wird, nicht mehr aus dem Haus gehen zu müssen.

          Es gibt allerdings einige Unterschiede. Während Weihnachten und Ostern ein Eintrittsdatum haben und ein klar bestimmtes und oft freudig erwartetes Enddatum, lässt das digitale Sommersemester kein erkennbares Ende erkennen. Während ich Weihnachten feiern kann oder auch nicht, ist das digitale Sommersemester keine Option mehr, sondern ein vorgeschriebener Arbeits- und Reproduktionszusammenhang, der von den Rektoraten und Präsidien diktiert wurde, ohne dass die Lehrkräfte, Forscher und Studenten in die Entscheidung einbezogen worden wären. Das digitale Sommersemester, ein Euphemismus für eine radikale Umstellung der Lehr-, Lern- und Forschungsbedingungen, wurde per Dekret verhängt.

          Einsame Entscheidungen

          Wer hat darüber entschieden, dass wir ein digitales Semester durchführen sollen? Gibt es irgendwelche internen hochschulpolitischen und demokratischen Prozesse, die das digitale Sommersemester legitimieren? Gibt es einen Diskurs darüber, was das digitale Semester für geringverdienende Studenten bedeutet? Gibt es eine Diskussion darüber, was das für Lehrbeauftragte bedeutet, die nun einen eigenen Arbeitsraum für ungestörte Videokonferenzen einrichten müssen? Ist die Universität bereit, anfallende Kommunikationskosten zu erstatten und zusätzliche Hardware für die Heimarbeiter zu beschaffen? Wer bezahlt für die privaten Arbeitsräume, die vormals am Campus waren und nun von den Dozenten und Studenten aus eigenen Mitteln zur Verfügung gestellt werden müssen? Können Studenten die nicht über eine Wohnumgebung verfügen, in der neunzigminütige Fernunterrichtsveranstaltungen störungsfrei konsumiert werden können, darauf hoffen, dass die Universitäten alternative Lernräume zur Verfügung stellen? Ich denke nicht.

          Falls sich das Digitalisierungsszenario verstetigen sollte, so ergäben sich daraus gewichtige ökonomische Verschiebungen, die Kosten des Universitätsbetriebes auf Forscher, Dozenten und Studenten abwälzen würden.

          In England wird seit Jahren diskutiert, wie die sich als Dienstleistungsbetriebe verstehenden Universitäten die cost drivers, das sind die infrastrukturellen Unkosten, reduzieren können. Raumkosten – in England nennt man das space drivers – sollen drastisch reduziert werden. Der Bibliotheksbetrieb soll auf personalreduzierte Verteilung von PDF-Scans eingeschränkt werden. Die Mensen können verkauft werden, wie dies hier und dort bereits geschah. So verkaufte die University of East Anglia vor ein paar Jahren die Universitätskantine an McDonald’s. Man kann sich vorstellen, wie die Finanzabteilungen der Universitäten auch bei uns angesichts solcher Möglichkeiten jubeln werden.

          Verlagerung der Kosten und Gewinne

          Der Prozess, der in Deutschland derzeit eingeleitet wird, verfolgt das Ziel, Unkosten zu reduzieren, indem Ausgaben auf die Angestellten und Kunden verlagert werden. Marx und Engels haben das gut und knapp gefasst, als sie feststellten, dass es im Kapitalismus darum gehe Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren. In der gegenwärtigen pandemischen oder postpandemischen Zeit gibt es massive private Gewinne aus Teleteaching (z.B. Teamviewer, Zoom), Heimunterhaltung (Netflix, Sony), berührungsfreien Zahlmethoden (Paypal, Visa, Mastercard), Hauszustellungen (Delivery Hero) und so weiter. Die Pharmakonzerne verzeichnen Gewinne in Milliardenhöhe. Dem gegenwärtigen Stand der Börsen ist zu entnehmen, dass Zoom-Aktien in den letzten zwölf Monaten um 155 Prozent an Wert zunahmen. Zoom Video Communications erlangte aufgrund der Nachfrage, die von der Pandemie angetrieben wurde, eine Marktkapitalisierung von über 21 Milliarden US-Dollar. Die Nutzerzahl stieg von zehn auf zweihundert Millionen. Man darf wohl sagen, dass die Investitionen der Universitäten nicht unwesentlich zu den Gewinnen beitrugen. Ähnlich eindrucksvoll sind die Gewinne von Unterhaltungsindustrie, Nahrungsmittelkonzernen, Computerherstellern und Online-Versandhäusern. Die Finanzwelt spricht in gewohnt nüchterner Terminologie von den „Corona Shares“.

          Es gibt aber auch Verlierer wie die Studenten aus geringverdienenden Familien, und es gibt Verlierer unter den Lehrbeauftragten, die nun entweder vollkommen entbehrlich oder nur mehr eingeschränkt verwendbar sind. Bibliothekare werden derzeit noch weiterbeschäftigt, es zeichnet sich aber ab, dass das hochqualifizierte Berufsbild des Buchsachverständigen in ein Verwaltungsamt des Einkäufers und Verteilers von elektronisch verfügbaren Texten verwandelt wird.

          Wie werden die Universitäten auf die zusätzlichen Ausgaben und erwartbar verminderten Einnahmen reagieren? Richard Grusin wies in seinem Blogeintrag „Higher Education in the Age of Covid-19“ darauf hin, dass amerikanische Universitäten wie die University of Wisconsin, an der er arbeitet, schon jetzt Budgetlöcher von mehreren Millionen Dollar aufweisen. Grusin rechnet damit, dass durch einen Einbruch der Studentenzahlen ein noch höheres Budgetdefizit entstehen wird, und schlägt vor, gezieltes Lobbying zu betreiben, um staatliche Unterstützung der Universitäten zu gewährleisten.

          Digitales Sparprogramm

          Er sieht aber auch, dass die Universitäten selbst Schritte unternehmen werden, um Kosten zu reduzieren. Dazu zählen „freiwillige Gehaltsreduzierung“ der Angestellten, Vereinfachung der Aufnahmebedingungen für Studenten „mit einem Blick auf Schnellzulassungen“ und das „Voluntary Separation Incentive Program“: So bezeichnet der Kanzler der Universität ein Programm zur Ermunterung von Professoren und Mittelbau, die eigene Kündigung einzureichen. Die Vice-Chancellors englischer Universitäten sprechen offen von Rettungsmaßnahmen durch Immobiliengeschäfte. Universitätsgebäude könnten verkauft werden, weil die Lehre ohnehin virtuell stattfinde.

          So wird es an deutschen Universitäten wohl nicht gehandhabt werden. Dennoch werden Schritte gesetzt, die unter der Ägide des Katastrophenszenarios eine Sozialisierung der Verluste einleiten. Studenten, die zum Studieren bisher nicht mehr benötigten als ein Bett in einer Wohngemeinschaft, werden sich wohl damit abfinden müssen, dass ein eigener Computer, eine schnelle Netzwerkverbindung, ein Raum, in dem keine Störungen durch Mitbewohner möglich sind, nun zu den unabdingbaren Studienvoraussetzungen zählen. Das Mensaessen wird durch selbstgekochtes oder angeliefertes Essen ersetzt werden müssen. Wer noch gedruckte Bücher lesen möchte, sollte sich darauf einstellen, zu den Privatprofiten von Amazon und anderen Firmen beizutragen.

          Lehrbeauftragte sitzen im selben Boot. Sie werden auf eigene Kosten Arbeitsplätze einrichten, die ehemals die Universität zur Verfügung gestellt hatte. Dozenten werden sich auch die Frage stellen müssen, wie lange ein durchdigitalisierter Universitätsbetrieb ihre Dienste benötigen wird. Wenn landesweit drei oder vier gute Online-Kurse zu „Numerischen Grundlagen für Ingenieure“ angeboten werden, wird jeder Finanzdirektor einer Universität darüber grübeln, ob es denn wirklich notwendig sei, dass seine Universität nun auch noch jemanden anstellen solle, der Chebychev-Polynome und approximierende Funktionen unterrichtet. Ist es nicht kostengünstiger, sich den Zugriff auf die Kurse anderer Universitäten zu kaufen? Dann allerdings bleibt für die ehemaligen Lehrbeauftragten nur mehr die freiwillige Trennung oder die monotone Korrekturarbeit und Prüfungsadministration.

          Richard Grusins düstere Prognosen sehen in letzter Konsequenz die Schließung vieler akademischer Institutionen. Es bleibt zu hoffen, dass wenigstens in unserer Universitätslandschaft die Ideale der freien Lehre und die Qualität einer lebendigen Campuskultur stärker zählen werden als betriebswirtschaftliche Räson.

          Der Autor lehrt Kunst- und Medientheorie in Lüneburg.

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