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Digitales Semester : Ich hatte meine Prüfer vorher nie gesehen

Studieren unter Corona-Bedingungen: Der E-Learning-Ordner findet kein Ende. Bild: Dustin Meschemoser

Dustin Meschenmoser erhielt im laufenden Digitalsemester 300 Dateien von seinen Dozenten. Das war fast alles. Gestern hatte er seine letzte mündliche Prüfung. Ein Gespräch über studentische Corona-Opfer.

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          In dieser Woche gab es auf Twitter den Tweet einer Studentin, in dem die psychische Belastung des digitalen Semesters hervorgehoben wurde und der sehr viele Reaktionen hervorrief. Aus studentischen Kreisen hieß es: Endlich jemand, der es ausspricht. Dozenten boten ihre Hilfe an. Sie haben in der Plattform-Diskussion darauf hingewiesen, dass Sie in diesem Semester bereits 300 Dateien in Ihrem E-Learning-Ordner abgelegt haben. Wo kommen die alle her?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Dustin Meschenmoser: An unserer Hochschule gibt es das Programm Stud.IP. Dort haben die Dozenten alle möglichen Dateien, Skripte, Übungsaufgaben, Lösungsblätter hochgeladen, überwiegend waren es pdf-Dateien. Als ich mir dann mal eine Ordner-Struktur angelegt habe, hat mir Windows mitgeteilt, dass sich 288 Dateien darin befinden. Wobei einige Dateien Informationen der Hochschulverwaltung enthalten und einige sind vielleicht auch doppelt.

          Was haben Sie gedacht, als Sie dieser zunächst unstrukturierten Menge gegenüberstanden?

          Das war kein gute Gefühl. Ich fühlte mich komplett erschlagen.

          Wie viele Dateien bekamen Sie in einem durchschnittlichen, nicht-digitalen Semester?

          Das kann ich schwer sagen. Normalerweise bekommen wir kaum digitale Dateien, wir erhalten die Unterlagen im Präsenzunterricht. Man muss noch dazu sagen: Wir hatten keine Möglichkeit, mit unseren Dozenten über ein Video-Konferenzsystem in Kontakt zu treten, die Kommunikation lief rein über E-Mail.

          Das ist ungewöhnlich. Warum war das so?

          Dustin Meschenmoser

          Das ist eine gute Frage, ich weiß es nicht. Es gab zu Beginn des Trimesters – ich studiere in einem dualen Studiengang Allgemeine Verwaltung (Public Administration) in Trimestern – ohnehin ein paar Probleme in der Kommunikation. Ich befinde mich gerade im Prüfungstrimester, und am Beginn der Corona-Pandemie hieß es zunächst, die mündlichen Prüfungen sollten alle in schriftliche Klausuren umgewandelt werden. Davon hat man dann wieder Abstand genommen. Die Prüfungen wurden erst einmal verschoben, dann vorverlegt –  das war alles ein wenig chaotisch.

          Sie studieren „Allgemeine Verwaltung“ was haben Sie mit den vielen Dateien gemacht?

          Ich habe mir zunächst einen Überblick verschafft über alle Module und Termine und eine Excel-Tabelle angelegt. Wobei das Problem darin bestand, dass in einigen Fächern die Dateien komplett, in anderen nur schrittweise hochgeladen wurden. Daher habe ich täglich überprüft, ob meine Dateien noch aktuell sind. Einmal wurde ein Ordner auch gelöscht und in einer anderen Version hochgeladen.

          Wie sind Sie der Menge von fast 300 Dateien begegnet, haben Sie die alle gelesen?

          Ich habe einen festen Plan erstellt, in dem ich pro Tag bestimmte Ziele definiert habe. Ich habe dann die einzelnen Module zusammengefasst, die wichtigsten Punkte herausgeschrieben und mir Eselsbrücken gebaut. Drei Tage vor den Prüfungen habe ich dann alles auswendig gelernt.

          Wenn Sie ein normales Prüfungstrimester erlebt hätten wäre da nicht auch eine große Menge von Dateien und Dokumenten zusammengekommen?

          Sicher hätten wir viele Dokumente auch im normalen Unterricht bekommen. Aber rein auf Grundlage der Skripte war es schwierig zu beurteilen, was wirklich wichtig ist oder wie auch nur bestimmte Fachbegriffe ausgesprochen werden. Bestimmte Fachbegriffe habe ich nie aus dem Mund eines Dozenten gehört. Bei uns gab es ein zusätzliches Problem: Nach dem Shutdown wurden wir erst einmal nach Hause geschickt. Zunächst gab es keine Verpflichtung zum Selbststudium, auch weil einige Studenten kurzfristig von ihren Arbeitgebern – wir sind ein dualer Studiengang – eingesetzt wurden, um die Corona-Krise zu bewältigen. Es hieß dann, dass der Lernstoff um fünfzig Prozent gekürzt werden soll. Ob das so geschehen ist, kann ich schwer beurteilen, in einigen Fächern schien es mir weniger gewesen zu sein.

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