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Woher kommt’s? Als Gregor Mendel das Adjektiv „hybrid“ mit gekreuzten Erbsen verband, sprach er implizit von seiner eigenen Hybris. Bild: Science Photo Library

Der Hochmut der Erbse : Die Erfolgsgeschichte des Wortes „Hybrid“

  • -Aktualisiert am

Hybrid ist heute der Inbegriff von Modernität. Der Trend ist überraschend und gedankenlos, wenn man auf die ursprüngliche Wortbedeutung schaut.

          3 Min.

          Um 1860 nutzte ein Augustinerchorherr im mährischen Brünn den Garten seines Klosters für Züchtungsexperimente mit Erbsen und Bohnen. Dass bei einer Kreuzung von grünen mit gelben Erbsen sowohl grüne als auch gelbe Nachkommen entstehen, verwunderte ihn nicht. Doch gelegentlich kam es auch vor, dass die grünen unter ihnen, auch wenn man sie dann ausschließlich wieder mit anderen grünen fortpflanzte, dennoch gelbe hervorbrachten. Offenbar hatte sich in den grünen ein Gelb-Potential erhalten. Das sprach dafür, dass es eine „dominante“ und eine „rezessive“ Vererbung von Merkmalen gibt. Der Mann, der diese Entdeckung machte, hieß Gregor Johann Mendel. Ungekreuzt fortgepflanzte Erbsen nannte er genetisch „rein“. Warum aber nannte er gekreuzte Exemplare „hybrid“ statt „gemischt“?

          Nun, er war unter anderem Griechischlehrer an der Klosterschule. Er kannte die Grundbedeutung des altgriechischen Wortes Hybris: Selbstüberhebung; Hochmut; Übertretung der gottgegebenen Naturordnung. Als Ikarus zu hoch in den Himmel flog; als Adam und Eva von der verbotenen Frucht aßen: da überhoben sie sich; sie waren hybrid. Aber Erbsen? Nur wenn sie durch Kreuzung aus ihrer naturgegebenen Bahn treten, können sie hy­brid sein. Nicht zufällig begann Mendel seine Kreuzungsexperimente, nachdem er im Examen zum Biologielehrer durchgefallen war – bei einem Prüfer, der von Befruchtung als Verschmelzung zweier gleichrangiger Keimzellen nichts wissen wollte und dem er zu widersprechen gewagt hatte.

          Diese Widersetzlichkeit setzte er im Klostergarten fort. Er wollte beweisen, dass beide Elternteile signifikante Merkmale weitergeben, nicht nur der dominante. Als zu striktem Gehorsam verpflichtetem Ordensmann stand ihm das eigentlich nicht zu. Es war hybrid. Und schlugen nicht auch seine Pflanzenkreuzungen über die Stränge der Schöpfungsordnung? Als er das Adjektiv „hybrid“ mit gekreuzten Erbsen verband, sprach er implizit von seiner eigenen Hybris, die er sich als skrupulöser Ordensmann ebenso vorwarf, wie er sie zu rechtfertigen suchte. Wie sollte er ohne sie in die Geheimnisse der Fortpflanzung eindringen?

          Erst vier Jahrzehnte später würdigte die akademische Genetik seine Kreuzungsbefunde als Mendel’sche Gesetze. Und das Adjektiv „hybrid“? Das übernahm sie gern mit. Um 1900 war die Vorstellung von der Natur als Zuchtanstalt, die darauf angelegt ist, die höheren Arten und Rassen zu erhalten und vor der Vermischung mit minderen zu schützen, nahezu ein wissenschaftliches Paradigma. Da kam das griechische Fremdwort gerade recht. „Hybrid“ wurde zu einem gewichtig klingenden Fachausdruck für Kreuzung oder Mischling. Das Wort löste sich von seiner Ursprungsbedeutung ab, verbreitete sich über die Naturwissenschaft hinaus und gehört heute zu den besonders gern gehörten Modewörtern. Autos mit Benzin- und Elektromotor heißen Hybridautos. Seit Corona boomen sogenannte Hybridkonferenzen, an denen die einen physisch, die andern online teilnehmen. Und kultureller Mischmasch wird gern „Hybridkultur“ genannt.

          Mendel konnte nicht ahnen, was aus seiner Wortwahl einmal werden würde. Sobald das Wort „hybrid“ Eingang in die akademische Genetik fand, in der es vornehmlich um Menschen, nicht nur um Erbsen und Bohnen ging, begann es pauschal die Botschaft auszustrahlen: Mischlinge sind gegen die Naturordnung. Woraus umgekehrt folgte: Naturgemäß ist einzig die ungemischte, reine Fortpflanzung von Arten und Rassen. Und Menschen verschiedener Hautfarbe hielt man lange Zeit für Angehörige verschiedener Menschenrassen. Nun ist es zwar völlig unbedenklich, Kinder eines schwarzen und eines weißen Elternteils als Mischlinge zu bezeichnen. Aber Mischlinge Hybride zu nennen, ist eine manifest rassistische Sprachregelung.

          Wäre das N-Wort durch seine Missbrauchsgeschichte nicht bis zur Unverwendbarkeit beschädigt – es wäre nichts dagegen einzuwenden, ist es doch bloß das lateinische Wort für „schwarz“, das für sich genommen nicht im Geringsten dazu auffordert, Menschen schwarzer Hautfarbe als „minderwertig“ oder „Untermenschen“ zu erachten, während „hybrid“ schon von sich aus „widernatürlich“ oder „artfremd“ impliziert. Nur stört das im antirassistischen Milieu niemanden. Von „Schwarzarbeit“ soll man nicht mehr reden dürfen, um Menschen, die sie leisten, nicht als negroid zu diffamieren. Aber „hybrid“ zu sagen ist chic. Es scheint so etwas zu meinen wie „divers“ und nach Überwindung von Binarität und Heteronormativität zu duften.

          Welche Worte gehypt und welche geächtet werden, hängt offensichtlich nicht unerheblich von Art und Grad der Bildung ab. Wer nicht weiß, was Hybris heißt, kann an dem Adjektiv „hybrid“ auch keinen Anstoß nehmen. Aber dann sollte er sich auch nicht mit Wörtern aus ihnen spreizen, deren Sinn und Herkunft er nicht versteht.

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