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Weniger Kontakte, kaum Jobs : Die Corona-Kluft bei Studierenden

  • -Aktualisiert am

Zu viel Abstand: Der direkte Austausch mit Kommilitonen fehlt vielen Studenten. Auch bei Präsenzveranstaltungen müssen Entfernungen eingehalten und Masken getragen werden. Bild: Lando Hass

Studierende aus Arbeiterfamilien trifft die Pandemie besonders hart. Sie bekommen oft kaum Unterstützung von zu Hause – und müssen noch mehr als sonst allein zurechtkommen.

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          Marie Schneider, die eigentlich anders heißt, sitzt vor ihrem Laptop – allein. Ihre neuen Kommilitonen sind nicht mehr als unbekannte Namen auf dem Bildschirm, kaum jemand hat seine Kamera an und zeigt sein Gesicht. So hat sich Schneider, die im ersten Semester an der Katholischen Hochschule in Köln Soziale Arbeit studiert, den Start an der Uni nicht vorgestellt. Ihr Studium finanziert sie sich mit Bafög, denn finanziell können ihre Eltern sie nicht unterstützen. Ihr Vater ist Hausmeister, ihre Mutter betreut psychisch Erkrankte. Sie stammt aus einer Arbeiterfamilie, so wie laut einer Sozialerhebung des Deutschen Studierendenwerks aus dem Jahr 2016 48 Prozent der Studierenden an den deutschen Hochschulen.

          Schon in normalen Zeiten ist der Studienstart für diese sogenannten Arbeiterkinder, deren Eltern nicht studiert haben und die oft sogar die ersten Studierenden überhaupt in ihrer Familie sind, eine ganz andere Herausforderung als für die Sprösslinge von Akademikern. Das Wintersemester 2020/21 ist schon das zweite Semester, das wegen der Covid-19-Pandemie weitgehend virtuell stattfindet. Für Arbeiterkinder wie Schneider droht Corona die Kluft zu Kommilitonen aus Akademikerfamilien nun noch weiter zu vertiefen.

          Der größte Nachteil der Online-Lehre

          Das liegt zum einen daran, dass der persönliche Kontakt zu anderen Studierenden und Lehrkräften fehlt. „Kinder aus bildungsfernen Familien fühlen sich schon in normalen Zeiten am Anfang in der Uni oft fehl am Platz“, sagt Bettina Kohlrausch, Bildungssoziologin und Professorin an der Universität Paderborn. Wenn Kinder aus Arbeiterfamilien zu studieren anfangen, kommen sie in ein völlig neues soziales Umfeld – und das fühlt sich besonders fremd an, weil sie meist kaum enge Bezugspersonen haben, die studiert haben. „Deshalb brauchen sie viel Interaktion mit anderen Studierenden und Professoren, um ihre neue Position zu finden“, sagt Kohlrausch. „Und genau das fehlt jetzt.“

          Eine aktuelle Umfrage der Universität Hildesheim zeigt: Für rund 82 Prozent der befragten Studierenden ist der fehlende Kontakt zu Kommilitonen der größte Nachteil der Online-Lehre. Arbeiterkinder trifft das Problem besonders. Sie sind auf die Unterstützung ihrer Kommilitonen angewiesen, denn für ihre Eltern und Geschwister ist die Uni-Welt oft fremdes Terrain. In einer normalen Vorlesung können die Studierenden einfach einen Sitznachbar um Rat fragen, wenn sie nicht weiterwissen. Das ist im Online-Studium schwierig. Gespräche nur unter Studierenden, die der Professor nicht hört, gibt es nicht. Dadurch können sich auch nur schwer Freundschaften entwickeln. „Wir haben zwar Whatsapp-Gruppen für Projekte, aber da wird nur über die Uni gesprochen“, sagt Sozialarbeit-Studentin Schneider. Hinzu kommt: Gerade Schneiders erste Wochen im Studium waren vollgepackt mit Online-Veranstaltungen, Pausen gab es kaum. Bei Fragen mussten die Studierenden lange warten, bis die Dozenten sie bei Zoom endlich aufriefen. Besonders auf Arbeiterkinder wie Schneider, die sich in akademischen Kreisen noch unsicher fühlen, kann das abschreckend wirken und dazu führen, dass sie gar keine Fragen mehr stellen.

          Nebenjobs fallen weg

          Noch einschneidender als die sozialen Unsicherheiten dürften für Arbeiterkinder die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie sein. Laut einer aktuellen Umfrage des Personaldienstleisters Zenjob haben 40 Prozent der Studierenden wegen der Pandemie ihren Job verloren. Die meisten von ihnen dürften Arbeiterkinder sein, denn die bekommen im Schnitt weniger finanzielle Unterstützung von ihren Eltern und sind auf einen Nebenjob angewiesen. Während das Einkommen von Akademikerkindern laut einer Studie des Deutschen Studentenwerks aus dem Jahr 2016 zu zwei Dritteln aus elterlicher Unterstützung besteht, ist es bei den Arbeiterkindern nur ein Drittel. Hinzu kommt: Studierende der ersten Generation arbeiten laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung öfter in fachfremden Jobs, wie zum Beispiel in der Gastronomie. Daher waren viele von ihnen zu Beginn der Pandemie die ersten ohne Einkommen und sind es auch jetzt wieder.

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