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Fremdes Licht aus ferner Zeit : Die Antike im Griff der Identitätspolitik

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Ein Held seiner Zeit: „Der verwundete Achilles“ von Filippo Albacini (1825) Bild: Bridgeman

Die Antike wird heute als kulturelle Wiege Europas gefeiert oder als Vorhut des Kolonialismus verdammt. Beides verkennt ihren unzeitgemäßen Charakter.

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          Die Antike ist in die Zwickmühle der Iden­tität geraten. Auf der ei­nen Seite steht die identitätspolitische Zensur, die vergangene Epochen und ihre Überreste in Kunst und Literatur vor allem am moralischen Maßstab der Gegenwart misst. Auf der anderen Seite erheben sich die Ansprüche einer kulturellen Identität, die ihre Grundlagen im griechisch-römischen Al­­­tertum zu finden meint. Beide Zugänge beruhen auf einer Einsicht in die gegenwärtige Relevanz vergangener Texte und Artefakte, beide treiben diese Einsicht jedoch in entgegengesetzten Richtungen so weit, dass eine erhellende Auseinandersetzung mit der Antike schwer, wenn nicht unmöglich wird. In beiden Fällen erweist sich das Konzept der Identität als intellektuelle Sack­gasse.

          Vielleicht noch mehr als andere Kul­turen leidet die Antike unter dem Moralismus der Identitätspolitik. Verlangen deren radikale Vertreter eine strikte Zensur des Literaturkanons an Schule und Universität, so begnügen sich vorsich­tigere Stimmen mit der Forderung, mög­licherweise verstörende Inhalte warnend zu markieren und Abweichungen von ge­genwärtigen Moralvorstellungen zu thematisieren. Die antike Literatur bietet hier eine gewaltige Angriffsfläche: Viele griechische und lateinische Texte schwelgen in Darstellungen von Gewalt, sind frauenfeindlich und rechtfertigen mannigfaltige Formen der Unterdrückung.

          Nun ist es sicherlich wichtig, die Feldzüge gegen die Gallier, wie sie Caesar be­schreibt, weniger als eine strategische Meisterleistung denn als eine brutale Un­terwerfung indigener Stämme zu be­trachten. Aber wenn sich die Lektüre des Bellum Gallicum auf das Anprangern ko­lonialer Praktiken beschränkt, geht viel verloren. Ungleich interessanter, wenn auch weniger leicht zu beantworten sind Fragen wie die nach dem Verhältnis von Caesar dem Erzähler zu Caesar dem Ak­teur, nach den Mitteln, mit denen Caesar den Anschein von Objektivität erweckt, nach dem Stil, der die Erzählung pa­ckend, die Beschreibungen anschaulich macht.

          Es gibt nicht viele antike Texte, die man ohne Triggerwarnung lesen kann. Die Fremdheit, an der identitätspolitische Lektüren Anstoß nehmen, tritt in den Hintergrund, wenn man sich auf die Antike als den Ur­sprung unserer kulturellen Identität be­ruft. Gemeinsam mit Jerusalem, so liest man immer wieder, bildeten Rom und Athen die Wurzeln der europäischen Identität. Dem Römischen Reich verdankten wir das Recht, den griechischen Poleis die Philosophie, Demokratie und Freiheit. Gerade in der gegenwärtigen Krise müsse man sich auf diese kulturellen Grundlagen besinnen, denn – hier wird dann manchmal Odo Marquard zitiert – „Zukunft braucht Herkunft“.

          Fragwürdige Formen der Aneignung

          In einem material- und perspektivenreichen Essay hat vor kurzem Dag Nikolaus Hasse den kolonialen und roman­tischen Charakter einer solchen europä­ischen Identität dekonstruiert und festgestellt, dass sie den außereuropäischen An­­teil der Antike und die Leistungen anderer Kulturen unterschlage. Die Rede von kulturellen Wurzeln suggeriere eine organische Entwicklung, die im Widerspruch zu den historischen Brüchen und Aneignungen stehe. Die griechische Literatur war im lateinischen Mittelalter zum Beispiel anders als in Bagdad und Byzanz über Jahrhunderte nicht präsent.

          Die An­eignungen antiker Ideen sagen außerdem oft mehr über die Rezipienten als die an­tiken Autoren aus. Selbst innerhalb einer Kultur können verschiedene Antiken aufeinanderprallen: Begeistern sich heute Feministinnen für die Dekonstruktion des Geschlechts in Ovids Metamor­phosen, zitieren auf der anderen Seite Rechtsradikale Herodot, um die Überlegenheit der weißen Rasse zu belegen. Nicht erst seit der jüngsten Debatte um die Dekolonialisierung der Altertumswissenschaften ist bekannt, dass in der Neuzeit Sklaverei mit dem Zeugnis des Aristoteles legitimiert wurde.

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