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Sunnitischer Rat : Blockade gegen liberale Theologen

Islamischer Religionspädagoge ohne Lehrerlaubnis: Abdel-Hakim Ourghi Bild: INTERTOPICS/Horst Galuschka

Der Sunnitische Rat hat in Baden-Württemberg die religiöse Aufsicht über die islamische Theologie. Er nutzt seine Befugnisse, um liberale Theologen ins Abseits zu schieben.

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          Vor drei Jahren rief das baden-württembergische Kultusministerium die Stiftung Sunnitischer Rat ins Leben und ernannte sie zur Trägerin des islamischen Religionsunterrichts. Für Wirbel sorgte die Stiftung im Jahr 2021, als sie einer Reihe als liberal geltender Dozenten der Islamischen Theologie an Schulen und Hochschulen die Lehrerlaubnis verweigerte, was deren berufliche Existenz teils bis heute bedroht. Das Ministerium ließ das Gremium walten. Mindestens zwei Hochschullehrer haben die für ihre berufliche Existenz wichtige Lehrerlaubnis auch nicht bekommen, nachdem sie Protest einlegten, Dokumente nachreichten oder vor Gericht zogen. Das Seltsame ist aber, dass sie diese Lehrerlaubnis nach Auskunft der Stiftung plötzlich gar nicht mehr brauchen.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Der Privatdozent für Islamische Theologie, Abdel-Hafiez Massud, wurde im Sommer von der Pädagogischen Hochschule Weingarten für ihn überraschend freigestellt. Die Hochschule sah keine Möglichkeit mehr, die islamische Theologie fortzuführen, da Massud die Lehrerlaubnis fehlte. Die Hochschule hatte gegen den negativen Entscheid des Sunnitischen Rats Einspruch erhoben. Doch der ließ sie mehr als ein Jahr mit seiner Entscheidung warten. Derweil soll er die Hochschule hinter den Kulissen gedrängt haben, Massud nicht mehr weiter zu beschäftigen, wie dieser berichtet. Schriftlich belegt ist dies nicht. Gegenüber dieser Zeitung erklärt die Stiftung: „Der Pädagogischen Hochschule Weingarten wurde mitgeteilt, dass im Hinblick auf die in diesem Antrag beschriebene Konstellation ein Einvernehmen der Stiftung für die Beschäftigung von Herrn Dr. Massud nicht erforderlich ist.“

          Widersprüchliche Entscheidungen

          Wozu, fragt man sich, braucht es dann überhaupt einen Sunnitischen Rat? Warum wird Massud erst verweigert, was er dann angeblich gar nicht braucht? Und warum wird das erst dann bekannt gemacht, als sich die Hochschule schon von Massud getrennt und die isla­mische Theologie ausgesetzt hat? Massud sieht sich als Opfer einer Verwaltungsakrobatik. Man habe die Entscheidung bis zu sei­ner „Entlassung“ verschleppt und danach erklärt, sie wäre gar nicht nötig gewesen. Die Ent­scheidung sei ihm bis heute nicht von der Hochschule, der Stiftung oder dem Ministerium mitgeteilt worden. Das Prozedere hat für ihn einen weiteren Pferdefuß: Solange er keine Lehrerlaubnis hat, darf er auch an anderen Hoch­schulen des Landes sein Fach nicht lehren. Sollte der Sunnitische Schulrat den entstandenen Schaden bis Ende November nicht regeln können, will sich Massud an die Gerichte wenden.

          Das hat Abdel-Hakim Ourghi, der an der Pädagogischen Hochschule Freiburg Islamische Theologie lehrt, schon getan. Ourghi legte gegen die Entscheidung des Sunnitischen Rats, ihm die Lehrerlaubnis nicht zu erteilen, Protest ein und zog nach dessen Zurückweisung vor Gericht. Seit April 2021 hat Ourghi eine Stelle für Islamische Theologie an seiner Hochschule inne. Nach den Statuten der Stiftung Sunnitischer Rat darf er das Fach ohne Lehrerlaubnis aber eigentlich nicht lehren.

          Und eine nachträgliche Lehrerlaubnis, erklärt die Stiftung, könne sie nicht mehr erteilen, denn die Hochschule habe mit der Festanstellung schon Fakten geschaffen. Die Lehrerlaubnis hätte vorher erteilt werden ­müssen. Wie immer das juristisch zu bewerten ist: Tatsache ist, dass auch Ourghi die Lehrerlaubnis aus Sicht des Sunnitischen Rats plötzlich gar nicht mehr braucht, wie aus einer Erklärung auf der Stiftungs-Homepage hervorgeht. Ourghi hält das für ein taktisches Manöver. Man wolle ihn besänftigen und Klagen ver­hindern. Auch er kann sich ohne Lehrerlaubnis nirgendwo bewerben, wohl auch nicht auf die Professur, die seine Hochschule einrichten will.

          Auch hier stellt sich die Frage: Warum wurde die Lehrerlaubnis vorher von ihm erwartet? Wozu braucht das Land ein Gremium, das mit widersprüchlichen Entscheidungen seine Existenzgrundlage aufhebt? Wäre es nicht besser, offen zu sagen: Einen aufgeklärten Islam wollen wir nicht? Oder: Es ist uns zu mühsam, die dafür notwendigen Konflikte einzugehen? Michael Hermann vom Kultusministerium, der das Konstrukt des Sunnitischen Rats aus der Taufe gehoben hat, hat in der „Badischen Zeitung“ schon zu erkennen gegeben, dass auch Abdel-Hakim Ourghis Ansichten zum Islam noch zum ­Thema werden könnten. So hält man Wissenschaftler in Gesinnungshaft.

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