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Datenanalyse : Wie Studenten über Einwanderung denken

  • -Aktualisiert am

Studenten auf dem Campus der Uni Mainz Bild: dpa

Im Osten ist die Skepsis gegenüber Migranten auch unter Studenten größer als im Westen – aber Daten zeigen eine Annäherung. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Warum schneidet die AfD bei Wahlen im Osten Deutschlands so viel besser ab als im Westen? Diese Frage ist nach der Bundestagswahl wieder sehr aktuell. Im Osten holte die AfD 19,1 Prozent, im Westen 8,2 Prozent der Zweitstimmen. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Juni 2021 erhielt die AfD sogar 20,8 Prozent. Zum Vergleich: Bei den beiden vorangegangenen Landtagswahlen im März 2021 in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz betrugen die Stimmenanteile der AfD 9,7 und 8,3 Prozent. Das sind ganz andere Dimensionen als die AfD-Stimmenanteile im Osten.

          Eine Erklärung für den deutlich höheren AfD-Stimmenanteil in den östlichen Bundesländern scheint die Einstellung der Bevölkerung gegenüber Einwanderern zu sein, die sich von der Einstellung im Westen deutlich unterscheidet. Eine neue Studie des ZEW-Kollegen Martin Lange aus Mannheim zeigt, dass Bürger, die in der damaligen DDR groß geworden sind, Einwanderung deutlich skeptischer gegenüberstehen als Bürger, die im Westen Deutschlands groß geworden sind. Ausgewertet hat Martin Lange Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) über den Zeitraum 1999–2016. Der Effekt ist numerisch bedeutsam: Wer im Osten Deutschlands groß wurde, lehnt Einwanderung mit einer um 15 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit ab als je­mand, der im Westen groß wurde.

          Ausspionieren im Osten hat misstrauisch werden lassen

          Es gibt einige Gründe, warum der Sozialismus in der DDR Skepsis gegenüber Einwanderung schürte. Im Sozialismus soll alles und jeder gleich sein. Dazu gehört auch der Wunsch, dass sich Völker verständigen und man länderübergreifend freundschaftlich verbunden ist. In der Praxis zeichnete sich jedoch schnell ein Lager- und Gruppendenken ab: Die Sozialisten auf der einen und die Kapitalisten auf der anderen Seite. Das im Sozialismus gelebte Freund-Feind-Denken hat sich auf die Einstellungen der Leute gegenüber Einwanderung übertragen. Hinzu kommt das mangelnde Vertrauen in Mitmenschen (und den Staat).

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          Man kann es niemandem verübeln, dass das Ausspionieren im Osten die Menschen hat misstrauisch werden lassen gegenüber Dritten, insbesondere Fremden. Ein dritter Grund könnte die mangelnde Erfahrung mit Wettbewerb im Osten gewesen sein. Wettbewerb war ein Attribut des kapitalistischen Westens. Am Arbeitsmarkt, vor allem im Niedriglohnbereich, fürchten viele Arbeitnehmer eine Zunahme des Wettbewerbs im Zuge von Einwanderung. Auch das mag einigen Bürgern in den östlichen Bundesländern ein Dorn im Auge sein.

          In einer neuen Studie haben wir Daten aus dem Studierendensurvey der Universität Konstanz genutzt. Im Auftrag des Bundesbildungsministeriums wurden seit Anfang der 1980er Jahre in mittlerweile 13 Wellen jeweils rund 8000 Studenten an deutschen Universitäten und Fachhochschulen befragt. Diese Daten zeigen für die 1990er Jahre noch deutlich größere Unterschiede in den Einstellungen gegenüber Immigration zwischen Studenten aus Ost und West, als es die Daten für die Gesamtbevölkerung aus dem SOEP zeigen. Beispielsweise stimmten Studenten, die in Ostdeutschland groß geworden sind, mit einer um 109 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit völlig der Aussage zu, dass kulturelle Überfremdung abgewehrt werden solle, als Studenten, die in Westdeutschland groß geworden sind.

          Unterschiede sind kleiner geworden

          Die Unterschiede in der Beurteilung von Immigration zwischen im Osten und im Westen sozialisierten Studenten sind jedoch deutlich kleiner geworden, wenn im Osten groß gewordene junge Erwachsene zum Studium in den Westen gegangen sind. Dies zeigt sich wiederum bei der Wahrscheinlichkeit, mit der Studenten der Aussage zustimmten, dass kulturelle Überfremdung abgewehrt werden solle. Studenten, die im Osten aufwuchsen und dort studierten, stimmten der Aussage signifikant häufiger zu als Studenten, die im Osten aufwuchsen und im Westen studierten.

          Im Westen studiert zu haben reduziert den Effekt der Herkunft aus dem Osten um etwa 70 Prozent. Die Studenten waren jung (Anfang 20) und erlebten die neuen Lebensumstände im Westen in einer für ihre Persönlichkeitsfindung entscheidenden Lebensphase („impressionable years“). Das Umfeld im Westen hat prägende Eindrücke auf die jungen Erwachsenen aus dem Osten hinterlassen.

          Über viele Jahre spielte Einwanderung im wiedervereinigten Deutschland keine große Rolle im politischen Geschehen. Das änderte sich – Corona mag auch dies zeitweise in Vergessenheit geraten lassen – mit der Flüchtlingskrise im Sommer 2015. Der AfD sind die Wähler zugelaufen. Vor allem in den östlichen Bundesländern. Es liegt nahe, dass sich die Nachwirkungen des Sozialismus in der DDR heute über Einstellungen zur Einwanderung im AfD-Wählen widerspiegeln.

          Björn Kauder ist Senior Economist am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln.

          Niklas Potrafke lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität München und leitet das Ifo-Zentrum für öffentliche Finanzen und politische Ökonomie.

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