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Belarus : Das Schweigen der Reformer

  • -Aktualisiert am

Die Maxim Tank Universität am Minsker Unabhängigkeitsplatz wird mit sowjetischer Symbolik geschmückt Bild: Reuters

Die deutsche Wissenschaftspolitik hat die belarussischen Hochschulen erst zur Reform aufgerufen. Jetzt lässt sie sie im Stich. Ein Fallbeispiel naiver Wissenschaftsaußenpolitik.

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          Als ich 2013 zum ersten Mal eine belarussische Institution betrat, nämlich das „Nationale Institut für höhere Studien“ (National Institute for Higher Education oder NIHE) in Minsk, war der Rektor dieser Einrichtung der letzte Bildungsminister der Sowjetunion. Diese Begegnung mit der Geschichte hatte einen großen Erkenntniswert für die weitere Arbeit, die mich über mehrere Jahre hinweg immer wieder in unterschiedlichen wissenschaftspolitischen Missionen nach Belarus geführt hat. Schließlich sind Hochschulsysteme auch stolz auf ihre Tradition, wie immer man sie aus westlicher Sicht beurteilen mag. Diese Tradition kann man nicht abschaffen, man muss sie integrieren. Die Präsenz der sowjetischen Bildungs- und Ausbildungstraditionen nicht nur in den Strukturen, sondern auch in Personen und in den Köpfen, der Wunsch nach zentraler Kontrolle, der sich mit Anspruch auf Autonomie der je einzelnen Hochschule beißt, Standardisierung von Lehre und zentralistische Vorgaben von Inhalten sind nach wie vor Rahmenbedingungen, die für ein Verständnis von Lehre, Forschung und Selbstverwaltung an belarussischen Universitäten wichtig sind.

          Die derzeitigen Proteste an und in den Universitäten in Belarus sollten für die deutsche Wissenschaftspolitik, die gerne von Internationalisierung und Globalisierung spricht, eigentlich ein Brennglas sein, in dem die eigenen Ansprüche sichtbar werden. Eigentümlicherweise hört man derzeit relativ wenig aus der Wissenschaftspolitik zu Belarus. Seit dem Beginn des Wintersemesters am ersten September gehen die Behörden auch gegen Studenten und Professoren an belarussischen Universitäten vor, die die Protestbewegung unterstützen. Die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde hat vor einigen Wochen eine Petition erstellt, die viele prominente Wissenschaftler unterzeichnet haben. Die Hochschulrektorenkonferenz hat sich mit dieser Resolution solidarisch erklärt. Aus dem BMBF hört man nichts, weder aus dem Ministerium noch von der Ministerin selbst.

          Universitäten als Reformlabore

          Viele Professoren in Belarus begreifen sich und ihre Universitäten als Akteure und Orte der Transformation, die modellbildend sein könnte für die Gesellschaft, in der die Akteure leben und in die die Institutionen eingebettet sind. An den Universitäten, so die Hoffnung, kann man den „Vorschein“ (Ernst Bloch) einer reformierten belarussischen Gesellschaft beobachten. Universitäten werden als Mobilisatoren und Katalysatoren gesellschaftlicher Entwicklungen gesehen. Es gibt aber auch an vielen Universitäten erhebliche Widerstände gegen diese Rolle der Universitäten im Transformationsprozess. Man darf nicht glauben, dass alle belarussischen Professoren mit der Liberalisierung der Hochschullandschaft einverstanden wären. Es gibt auch einige, die glauben, die Reformen der letzten Jahre, die mit der Vollmitgliedschaft im Europäischen Hochschulraum (EHEA) 2018 noch einmal Fahrt aufgenommen haben, seien alles andere als positiv. Sie hätten den Studenten Versprechen gemacht, deren Einlösung sie jetzt fordern: Demokratisierung, Öffnung, Gleichberechtigung nicht nur an Universitäten, sondern auch in der Gesellschaft. Viele an belarussischen Universitäten begreifen Reformen als Ausverkauf des kulturellen Erbes und der Tradition, in der die belarussischen Universitäten stehen. Man muss diese Tradition und dieses Erbe nicht unbedingt bejahen. Es steht westlichen Beobachtern aber nicht zu, die Trauer über die Verluste als Reformwiderstand abzuqualifizieren.

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