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Corona-Semester Nr. 2 : „Gute Lehre macht jetzt die doppelte Arbeit“

Im Wintersemester 2020/21 wird sich die digitale Lehre institutionalisiert haben – mit neuen Herausforderungen für alle Beteiligten Bild: dpa

Wie schafft man es im Hochschul-Lockdown, Studierenden den notwendigen Stoff zu vermitteln und die Vereinzelung von Erstsemestern zu verhindern? Gespräch mit der Dozentin Julia Schade über Lehrexperimente.

          6 Min.

          Sie unterrichten als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Theater-, Film und Medienwissenschaft der Goethe-Universität in Frankfurt. Wie haben Sie das abgelaufene Corona-Semester erlebt? Das kommende wird ja ähnliche Voraussetzungen haben.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Julia Schade: Das vergangene Semester war geprägt durch einen schwierigen Start. Wir hatten nur drei Wochen Zeit, um uns auf die digitale Lehre vorzubereiten. Das war eine große Herausforderung. Wir mussten uns einfinden in die neuen Video-Konferenztechniken und mussten uns überlegen, wie wir die Seminare anlegen. In der Theaterwissenschaft hatten wir das Sonderproblem, dass wir mit den Studierenden normalerweise viel in Inszenierungen gehen. Das alles fiel weg, wir mussten stark auf digitale Aufzeichnungen setzen – und die Frage war: Wo bekommt man die her? Das war nicht ganz leicht. Außerdem hatten wir ungewöhnlich hohe Teilnehmerzahlen, was wahrscheinlich daran lag, dass vielen Studierenden die Nebenjobs weggebrochen waren, und die, die ein Auslandssemester geplant hatten, in Deutschland blieben. Diese Situation besteht ja immer noch. Insgesamt gibt es viel mehr Anmeldungen für die digitalen Seminare als in den vorherigen Semestern. Die Kurse wurden größer, wir sind aber ein kleines Institut, das in Seminaren mit maximal vierzig Studierenden rechnet. Ich hatte in meinen Seminaren im letzten Semester dann doppelt so viele Teilnehmer*innen, was die Frage aufwarf: Wie schaffe ich es, mit dem Online-System „Zoom“, das ja stark auf Frontalität setzt und letztlich ein autoritäres Medium ist, eine gute Gesprächsatmosphäre zu schaffen?

          Ihre Online-Seminare des Sommersemesters gelten unter Studierenden als ungewöhnlich nah an echten, analogen Seminaren. Wie haben Sie sich im Frühjahr auf die Herausforderung der Online-Lehre vorbereitet – oder konnten Sie schon auf bestimmte Erfahrungen aufbauen?

          Das freut mich. Nein, ich konnte auf keinerlei Erfahrungen zurückgreifen. Das war das Problem.

          Sie mussten sich nicht nur auf ein neues Medium, sondern auch auf neue Gruppengrößen einstellen, was zusätzliche organisatorische Probleme nach sich zieht.

          Genau, die Teilnehmer*innenzahlen waren erst eine Woche vor Beginn des Semesters klar. Anschließend musste ich meine Vorbereitung eigentlich nochmal komplett umschmeißen. Es war anstrengend und spannend zugleich, dass wir über das ganze Semester hinweg nach einem Trial-and-Error-Prinzip vorgehen mussten.

          Wie sah Ihr Plan aus, den Frontalunterricht aufzubrechen?

          Julia Schade
          Julia Schade : Bild: privat

          Ich habe mir so viele Gedanken über den Aufbau des Seminars gemacht, weil ich es am Unterrichten besonders wichtig finde, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich alle trauen, etwas zu sagen, die Teilnehmer*innen sich gegenseitig ernst nehmen, produktiv Kritik üben und wirklich gemeinsam arbeiten. Wie lässt sich das übersetzen in ein so merkwürdiges Medium wie Zoom? Angesichts von siebzig Teilnehmern bin ich dann zu dem Ergebnis gekommen, dass es am besten ist, die Gruppe zu verkleinern. Ich habe also alle eingeteilt in kleine Arbeitsgruppen, die ich wiederum individuell betreut habe. Es gab somit einen Wechsel zwischen selbständigem Arbeiten in der Kleingruppe und Teilnahme an einem gemeinsamen Forum auf der Online-Plattform der Universität, auf der die einzelnen Gruppen ihre Ergebnisse, Fragen oder Diskussionen veröffentlicht haben, für alle sichtbar. Hier gab es auch die Möglichkeit, gegenseitig auf Posts zu antworten. Dabei kamen dann auch Studierende zum Zuge, die sich normalerweise nicht trauen, in Zoom-Situationen zu sprechen – sie konnten ihre Beiträge schriftlich einreichen. Das hat nach einigem Ausprobieren und Verwerfen zum Schluss sehr gut funktioniert.

          Ihnen war wichtig, den Teilnehmern die Zunge zu lösen.

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