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Corona-Semester : Open-Air-Lehre gegen Digitalfrust

Jenaer Seminar-Exkursion auf den Brocken Bild: privat

In der Corona-Krise gibt es kaum Präsenzveranstaltungen. Exkursionen aber sind oft erlaubt. Lässt sich Heine nicht auch sehr gut draußen lehren? Interview mit dem Germanistik-Professor Dirk von Petersdorff.

          5 Min.

          Jena hat in Corona-Zeiten sehr früh die Maskenpflicht eingeführt, Sie haben darüber in der F.A.Z. berichtet. Wie sieht es derzeit in der Stadt aus – welche Strategie verfolgt die Universität Jena?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Dirk von Petersdorff: In der Stadt hat sich die Corona-Lage sehr beruhigt. Jena hat schon seit Wochen kaum neue Infektionen zu verzeichnen. Die Maßnahmen sind entsprechend gelockert worden, die üblichen Einschränkungen wie Maskenpflicht und Abstandsregeln gelten aber natürlich noch. Die Universität ist nach meiner Wahrnehmung sehr vorsichtig. Wir haben das Sommersemester komplett digital verbracht. Was zuletzt wieder erlaubt war, sind kleinere Präsenzformen und Prüfungen. Ich habe zum Beispiel ein Oberseminar veranstalten können, das vorher in der Kneipe stattfinden musste. Im Prinzip läuft aber alles digital ab, und auch das Wintersemester wird entsprechend geplant. Das ist schwierig für uns alle, aber immerhin sollen wahrscheinlich die Erstsemester in die Stadt gelassen werden.

          Müssen analoge Veranstaltungen angemeldet werden, wie groß ist der bürokratische Aufwand?

          Sie müssen angemeldet werden. In den Räumen sind dann die Stühle, die man nicht benutzen darf, mit Baustellenband umwickelt und abgeklebt, was ich etwas unpassend finde. Man sollte darauf vertrauen, dass Angehörige einer Universität die Abstandsregeln verstehen und umsetzen können. Unsere Räume sind auch grundsätzlich für Besucherverkehr gesperrt. Vielleicht könnte man in einer Stadt, die seit Wochen fast keine Neuinfektionen hat, etwas freier agieren. Die Vorstellung der Stadt ist aber: Menschen, die von außen kommen, sind potentielle Infektionsträger, Durchmischung ist gefährlich, Separierung ist sicherer. Für eine Universitätsstadt, die von Offenheit und Austausch lebt, ist das auf Dauer problematisch.

          Sie haben gerade eine besondere Form des Präsenzunterrichts hinter sich – eine Exkursion auf literarischen Spuren. Wohin ging es?

          Dirk von Petersdorff

          Exkursionen waren komischerweise immer erlaubt, auch in den Zeiten mit strengsten Auflagen. Ich mache in diesem Semester ein Seminar über Heinrich Heine, passend dazu sind wir in einer Gruppe von fünfzehn Leuten von Ilsenburg aus dem sehr schönen Heinrich-Heine-Wanderweg auf den Brocken gefolgt. Am Tag darauf ging es weiter nach Quedlinburg, wo wir eine Stadtführung hatten. Es war eine kurze Exkursion von drei Tagen, aber eine schöne Abwechslung. Die Stimmung war außerordentlich gut, man spürte eine große Erleichterung, etwas gemeinsam zu erleben. Das Semester hat technisch gut funktioniert, man kann digital lehren und lernen, aber gerade deshalb spürt man, welche Erfahrungen fehlen, das wirkliche Kennenlernen. Die Studierenden sagten, sie hätten ihr Leben in den letzten Wochen eigentlich überwiegend vor dem Bildschirm verbracht. Das ist ja auch nachvollziehbar in einem digitalen Semester.

          Wie groß war die Nachfrage?

          Das Seminar an sich war etwas kleiner. Nach einer Rundmail mit der Ankündigung kamen sofort Anmeldungen, die die freien Plätze überstiegen, so dass wir eine Warteliste eingerichtet haben. Wir hätten wahrscheinlich doppelt so viele mitnehmen können. Aber eine Exkursion soll ja auch nicht zu groß sein. Und die Teilnahme ist natürlich immer auch ein Kostenfaktor. Das Dekanat hat das Ganze allerdings großzügig unterstützt, so dass die Studierenden 50 Euro für zwei Übernachtungen in der Jugendherberge, die Busfahrten und eine Stadtführung bezahlen mussten. Die realen Kosten waren etwa doppelt so hoch.

          Hätten Sie die Exkursion auch im regulären Semester veranstaltet?

          Sie war geplant, wir haben sie allerdings mehrere Wochen nach hinten verschoben. Die Jugendherbergen waren lange geschlossen und die Busse durften nicht fahren. Und ich habe die Studierenden natürlich gefragt, ob sie in der gegenwärtigen Situation überhaupt fahren wollen. Aber alle wollten unbedingt mit.

          Machen Sie regelmäßig Exkursionen in Ihren Seminaren?

          Das ist erst die zweite gewesen. Im letzten Sommersemester habe ich eine auf den Spuren Thomas Manns nach Lübeck angeboten, verbunden mit Theodor Storm in Husum, Thomas Mann hat Storm ja sehr bewundert. Die Resonanz war sehr gut, mehrere Studierende haben gesagt, dass man so etwas wiederholen sollte. Das habe ich dann aufgegriffen. Man muss dazu sagen: In Exkursionen steckt eine Menge Vorbereitungsarbeit. Ich alleine hätte das nicht organisieren können, das geht nur mit Unterstützung von Hilfskräften und einem Sekretariat. Es gibt rechtliche Fragen zu beachten, man muss alles kalkulieren und abrechnen und endlos viele Formulare ausfüllen. Ich werde die Sache aber fortführen, weil ich denke, dass die Studierenden sehr viel davon mitnehmen. Das sind, glaube ich, Ereignisse im Studium, die länger in Erinnerung bleiben.

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