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Junge Menschen und die Krise : Zurück ins Kinderzimmer

  • -Aktualisiert am

Junge Menschen leiden sehr unter der Pandemie, da soziale Kontakte quasi non-existent sind. Bild: dpa

Sind die Jugendlichen in der Pandemie vergessen worden? Sie reagieren häufig mit Depression und sehen sich ihrer Zukunft beraubt. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Die Pandemie hat unser Leben innerhalb kürzester Zeit in einem unvorstellbaren Maße verändert. Dies belastet Angehörige aller Generationen, aller sozialen und Bildungsschichten, weltweit. Die völlig unerwartete, schwer fassbare Lebensbedrohung, der wir machtlos – bis vor kurzem noch ohne Aussicht auf einen Impfstoff – ausgesetzt sind, konfrontiert uns mit einer Situation extremer Abhängigkeit und Ohnmacht. Psychoanalytisch betrachtet, reaktivieren die Bilder von intubierten, hilflos auf dem Bauch liegenden Menschen in den Intensivstationen bei uns allen Erinnerungen an früheste Erfahrungen in den ersten Lebensmonaten. Bekanntlich kann ein Säugling nur überleben, wenn er ausreichend gut gepflegt, betreut und gehalten wird. Er befindet sich in einer existentiellen Situation der totalen Abhängigkeit. Die „embodied memories“ (verkörperte Erinnerung) an diese menschlichen Grunderfahrungen bleiben unbewusst immer in unserem Gedächtnis erhalten und werden ein Leben lang bei einer diffusen Konfrontation mit dem Tod und anderen Extremsituationen wiederbelebt.

          Solche Erinnerungen können Menschen psychisch nicht gut ertragen, schieben sie weg und reagieren mit relativ primitiven Abwehrmechanismen wie Verleugnung, Spaltung oder Projektion auf die diffuse Bedrohung. Daher muss in der Pandemie damit gerechnet werden, dass der reife mentale Zustand eines Erwachsenen bei allen bedroht ist und auf ein primitives Niveau des Seelischen zurückfällt. Dies beeinträchtigt in der Folge oft unbemerkt die Wahrnehmung, die Gefühle und natürlich auch die Handlungen der Menschen. Leider haben Populisten auf der ganzen Welt ein intuitives Wissen, um genau auf dieser Klaviatur zu spielen und die primitivsten mentalen Zustände in Zeiten individueller und kollektiver Regressionen auszunutzen.

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