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Folgen der Pandemie : Kann man Freundschaften nachholen?

Endlich nebeneinander sitzen: Erst seit ein paar Wochen können sich Erstsemester wieder in der Uni kennenlernen. Bild: F.A.Z.

Die Pandemie hat nicht nur Studienpläne durcheinandergeworfen und Hörsäle leer gefegt – sie hat auch das soziale Gefüge an den Universitäten zerstört. Was das bedeutet, wird erst jetzt deutlich.

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          Als Elisabeth ans Telefon geht, ist ihr Französisch-Kurs gerade zu Ende. Eine Viertelstunde hat die Dozentin überzogen, Elisabeth ist jetzt zu spät dran. Sie lacht darüber – was ist schon eine Viertelstunde? –, aber eigentlich denkt sie ständig über Zeit nach und wie wenig sie davon hat. Elisabeth studiert im dritten Master-Semester Psychologie in Göttingen, eine Stadt, die sie nur im Pandemie-Zustand kennt. Es ist nicht so, dass sie ihre Kommilitonen nie getroffen hat. Mit manchen war sie schon spazieren, mit anderen Kaffee trinken. Im Sommer haben sie sich nach einer Präsenzklausur zusammen an die Leine gesetzt und Bier getrunken. Aber als enge Freundin würde Elisabeth keine von ihnen bezeichnen. Dabei ist der Master nun schon zur Hälfte rum. „Ich frage mich ständig: Soll ich Kontakte suchen – das kostet ja auch Zeit –, oder konzentriere ich mich auf meine Freunde in anderen Teilen Deutschlands und mache hier nur noch mein Studium fertig?“, sagt sie. „Das stresst mich gerade ziemlich.“

          Sarah Obertreis
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          Die Pandemie hat nicht nur Studienpläne durcheinandergeworfen und Hörsäle leer gefegt – sie hat auch das soziale Gefüge an den Universitäten zerstört. Die Auswirkungen, die die Kontaktbeschränkungen und die Online-Lehre auf die Freundschaften und Bekanntschaften der Studierenden hatten, werden erst jetzt in ihrem Ausmaß sichtbar. „Die sozialen Strukturen haben massiv gelitten“, sagt Wilfried Schumann vom Psychologischen Beratungsservice der Universität und des Studentenwerks Oldenburg. Schumann kümmert sich seit mehr als 30 Jahren um die psychische Gesundheit von Studierenden. Er sagt, die vergangenen drei Semester hätten nichts zu tun gehabt mit einem regulären Studium. „Das soziale Miteinander war in diesen Jahrgängen nicht realisierbar.“

          „Ich bin froh, mal mit jemandem zu sprechen“

          Was das konkret bedeutet, versucht Christian Stegbauer zu ergründen. „Schön, dass Sie anrufen“, sagt er, als er ans Telefon geht. Er sitzt gerade allein am Schreibtisch zu Hause. „Ich bin froh, mal mit jemandem zu sprechen.“ Stegbauer forscht an der Goethe-Uni in Frankfurt zu sozialen Netzwerken. Mit seinem aktuellen Projekt hat er vor einem Jahr angefangen: Er und sein Team befragten 23 Studierende dazu, wie sich ihre Beziehungen in der Pandemie verändert haben und wie sich der Überblick über das eigene Netzwerk wandelte: Wissen die Studierenden noch, mit wem ihre Freunde befreundet sind, mit wem ihre Kommilitonen regelmäßig etwas unternehmen? Das Gleiche fragte und fragt Stegbauer regelmäßig in Seminaren seines Fachs, den Sozialwissenschaften.

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          „Es war echt krass, was wir im Winter dazu gefunden haben“, sagt der 60-Jährige. „Eine ganz starke Reduktion der Beziehungen auf die engsten Freunde, die meisten Unikontakte fielen dabei weg.“ Viele Gruppen splitteten sich auf in Zweier-, und Dreierfreundschaften.

          Gleichzeitig hatten die Studierenden keinen Überblick mehr über das soziale Netzwerk um sie herum – wer wen kannte und wer gerade durch die gleiche Lernphase ging wie sie. „Wir Menschen brauchen immer einen Abgleich, eine Referenz. Aber Studierende, welche die ersten Prüfungen abgelegt hatten, hatten gar keine Referenz. Die wussten nicht, welche Noten okay sind oder wie viel man lernen sollte“, sagt der Psychologe Pablo Kilian von der psychosozialen Beratungsstelle des Studentenwerks Leipzig.

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