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Folgen der Pandemie : Kann man Freundschaften nachholen?

Aber zu den extremen Fällen, zu denjenigen der sozialen Isolation, wie Wilfried Schumann sie bei den Studierenden in Oldenburg „ganz häufig“ erlebt hat, kam es, weil auch die flüchtigen Bekanntschaften auf einmal verschwunden waren, die zufälligen Begegnungen nach dem Tutorat oder das Mittagessen in der Mensa. Der amerikanische Soziologe Mark S. Granovetter hat schon vor 50 Jahren nachgewiesen, wie bedeutend diese flüchtigen Bekanntschaften für uns sind. Er fand heraus, dass sie oft über einen erfolgreichen Berufseinstieg entscheiden, weil wir über Bekannte wichtige Informationen erhalten oder von ihnen für Stellen empfohlen werden. Granovetter nannte diese Kontakte „unverzichtbar für die Integration eines Individuums in eine Gemeinschaft“.

„Es sind alle neu, die kennen sich alle nicht“

Jeannine hat gerade erst die zweite Semesterwoche hinter sich, als sie erzählt, wie strategisch sie in den vergangenen 14 Tagen Bekannte gesammelt hat. Eigentlich geht die 20-Jährige nicht gerne auf fremde Menschen zu, sie hat in der Pandemie gemerkt, wie bequem es ist, sich ins eigene Zuhause zurückzuziehen. Aber jetzt überwindet sie sich doch. „Ich muss mir immer sagen: Es sind alle neu, die kennen sich alle nicht“, erklärt sie. Jeannine hat ihr Abitur mitten in der Pandemie gemacht, aber jetzt studiert sie Grundschullehramt in Frankfurt mit immerhin drei Präsenzveranstaltungen.

Sie hat sich für die Übungen und Tutorien vor Ort entschieden, „weil man da mehr Leute kennenlernt als in den Vorlesungen“. In der ersten Woche machte sie bei beinahe allem mit, was angeboten wurde: den Partys, der Campus-Rallye, dem Sitzkreis mit Kennenlernspielen, der Stadtbesichtigung. Dabei lief sie mal schneller, mal langsamer, um mit so vielen Kommilitonen wie möglich zu reden. Sie sprach sogar mit Leuten, denen sie in der Schule nie eine Chance gegeben hätte. Stellte sich heraus: Auch wenn sie nicht so aussehen, sind ein paar ganz cool. Selbst kleine Grüppchen, die sich schon gebildet hatten, sprach Jeannine an. Mit der Gruppe aus der Mathe-Übung ist sie inzwischen in einem WhatsApp-Chat. „Bis jetzt läuft es ziemlich gut“, sagt sie.

Jeannines Semester ist das erste nach anderthalb Jahren, das die Aufbruchsstimmung, die jedem Studienbeginn anhaftet, wieder ein wenig ausleben kann. Die meisten Freundschaften an der Uni entstehen schon während der ersten Veranstaltungen auf dem Campus. Wer sie verpasst, hat es später oft schwer, einen Freundeskreis aufzubauen. Elisabeth musste noch eine Bachelor-Klausur schreiben, als schon die Online-Einführungswoche in Göttingen begann. Deswegen konnte sie nicht dabei sein. Die Aufbruchstimmung wird sie sich nicht mehr zurückholen können. Soziologe Schobin glaubt, dass die gewachsene Einsamkeit unter den Studierenden trotzdem bald der Vergangenheit angehören wird: „Wenn die Gelegenheiten zurückkehren, werden auch die Freundschaften zurückkehren“, sagt er. Aber viele von Schobins Kollegen sind sich da nicht so sicher. Vielleicht kann man die fehlenden Begegnungen mit einer eingestürzten Brücke vergleichen: Die wieder aufzubauen wird auch Jahre dauern.

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