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Chinas Wissenschaft : Der diskrete Charme der Technokratie

Nach Mao ging es steil bergauf: Trotzdem hat der Mann, der Chinas Wissenschaft ruinierte, noch einen Ehrenplatz an der Fudan-Universität von Schanghai Bild: mauritius images / Nick Higham /

Der Aufstieg von Chinas Wissenschaft versetzt die Welt in Erstaunen. Die Sinologin Anna Ahlers untersucht, wie die Volksrepublik die Forscher ihren politischen Zielen gefügig macht.

          5 Min.

          Wer mit dem Soziologen Robert K. Merton davon ausgeht, dass Wissenschaft nur in Demokratien gedeiht, weil es zwischen beiden Systemen eine ideelle Verwandtschaft gebe, für den ist der wissenschaftliche Aufstieg Chinas ein Rätsel. Seit Jahren stürmt die Volksrepublik von Rekord zu Rekord. 2018 führte sie erstmals die internationale Publikationsliste an, im Folgejahr meldete sie weltweit die meisten Patente an, die Forschungsausgaben liegen derzeit mit rund 500 Milliarden Dollar noch knapp hinter den Vereinigten Staaten. Doch wenn es so weiter- geht, wird das Land schon lange vor jenem Jahr 2050 die Führungsrolle in der Wissenschaft übernehmen, das ihr Staatspräsident Xi Jinping für die Wachablösung vorgegeben hat.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          2015 hatte Xi die Wissenschaft noch einmal auf den Marxismus eingeschworen und den Universitäten rigoros in Erinnerung gerufen, dass sie keinen anderen Herrn und Meister hätten als die Kommunistische Partei. Das war mehr als ein rhetorisches Manöver, denn zwei Jahre später wurden mehr als dreißig Universitäten einer rigorosen Gesinnungsprüfung unterzogen. Seither sind in Hörsälen und Seminaren Kameras montiert. Universitätsleitungen haben von der Partei kontrollierte Zensur- und Überwachungsabteilungen gegründet und Studenten als Spitzel angeworben, die ideologisch auffällige Dozenten und Kommilitonen melden sollen.

          Auferstanden aus Ruinen

          Wie kann es sein, dass Wissenschaft, die sich ihre Ziele nach gängiger Sichtweise selbst setzen muss, weil unklar ist, welche Wege zu ihnen führen, so gewaltige Fortschritte macht in einem Land, das ihre Freiheit dermaßen beschränkt? Diese Frage hat sich die Lise-Meitner-Forschungsgruppe um Anna Ahlers am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte vorgelegt. Die Sinologin, die ihre Professur in Oslo kündigte, weil sie meinte, die ambitionierte Frage in einem interdisziplinären und internationalen Team besser untersuchen zu können, interessiert sich weniger für die imposanten Zahlen als für das Zusammenspiel von Wissenschaft und Politik, das für sie die Basis des Aufstiegs ist. Schon in früheren Arbeiten war ihr das enorme Fachwissen der lokalen Eliten aufgefallen, die viel Geschick darin bewiesen, die ausreichend vagen Vorgaben aus Peking den Gegebenheiten vor Ort anzupassen. „Das Ausmaß funktionierender Bürokratie überrascht“, sagt Ahlers.

          Die Sinologin Anna Ahlers verließ ihre Professur, um die chinesische Wissenschaft zu erforschen.
          Die Sinologin Anna Ahlers verließ ihre Professur, um die chinesische Wissenschaft zu erforschen. : Bild: privat

          Was vielleicht noch mehr überrascht, ist die Geschwindigkeit und Planmäßigkeit, mit der sich China aus der Bedeutungslosigkeit an die Weltspitze katapultiert hat. In den sechziger Jahren lagen die Universitäten nach den Verheerungen der Kulturrevolution noch in Trümmern, bis sie Deng Xiaoping Anfang der achtziger Jahre als Wirtschaftsfaktor erkannte und gezielt modernisierte und ausbaute. Damals wuchs die Erkenntnis, dass man Technik und Wissenschaft nicht der marxistischen Lehre unterstellen darf, wenn man international mithalten oder konkrete Probleme lösen will. Eine Erkenntnisquelle war der Umweltschutz. In einer weiteren Studie hat Anna Ahlers untersucht, wie wissenschaftliche Ratschläge im Kampf gegen den Smog umgesetzt wurden, etwa beim G-20-Gipfel in Hangzhou und den Olympischen Spielen in Peking. Auch hier traf sie auf ein gut geschultes Personal vor Ort, das ausreichend Spielraum bei der Umsetzung politischer Vorgaben hatte und es sich leisten konnte, wissenschaftliche Forderungen zu ignorieren, die nicht das konkrete Ziel betrafen: sich der Welt glanzvoll zu präsentieren.

          Das pragmatische Verhältnis zur Wissenschaft, das sich hier abzeichnet, dominiert auch in der Bevölkerung. Man schätzt sie als Wohlstandsfaktor und erwartet von ihr technische Produkte, die den Alltag erleichtern. Für Anna Ahlers macht das verständlich, warum das im Ausland mit Schrecken betrachtete Sozialpunkte-System, das eine digital komplett überwachte Bevölkerung mit einer Mischung aus Strafen und Privilegien diszipliniert, in China laut Studien mehrheitlich begrüßt wird. Man sehe darin nur ein weiteres Element im technisch optimierten Alltag. Bewohner der westlichen Welt, die sich von Digitalunternehmen freiwillig überwachen lassen, sollten nicht zu sehr darauf hinabschauen.

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