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Betriebswirtschaftslehre : Die BWL braucht neue Inhalte

  • -Aktualisiert am

Vorlesungsalltag vor Corona (Symbolbild) Bild: dpa

Sie ist der beliebteste Studiengang, doch viele ihrer Aufgaben lassen sich mittlerweile schon automatisieren. Hochschulen müssen daher nicht nur neu definieren, was relevante Fach- und Methodenkenntnisse sind. Ein Gastbeitrag.

          7 Min.

          Spätestens die Einschränkungen der Corona-Pandemie haben gezeigt, dass die digitale Transformation inzwischen zum selbstverständlichen Teil der gelebten Realität in Unternehmen geworden ist. Waren es zunächst die Geschäftsmodelle, die sich mit dem Einsatz digitaler Technologien fundamental verändert und ganze Branchen disruptiert haben – man denke an Unternehmen wie Amazon, Facebook, Netflix oder Uber –, werden heute auch die internen Geschäftsprozesse zunehmend digitalisiert: Vom automatisierten Lieferkettenmanagement bis zur Fertigung in der ‚smarten‘ Fabrik, von der algorithmengestützten Personalauswahl bis hin zum Online-Kundenbeziehungsmanagement auf Basis von Echtzeitdaten und KI-basierter Prognose künftiger Umsätze und Cashflows.

          Was bedeuten diese Veränderungen für das betriebswirtschaftliche Studium, dessen Vorlesungen sich traditionell zunächst an Funktionen wie Produktion, Marketing, Personal, Finanzierung oder Rechnungswesen orientieren, bevor dann weiterführende Themen wie Strategie, Nachhaltigkeitsmanagement oder Controlling und Unternehmenssteuerung vertieft werden? Fächer wie Wirtschaftsinformatik und Statistik ergänzen den Vorlesungskanon zwar, aber nicht in dem Ausmaß, wie es die digitale Transformation erfordert. Was also ist zu tun? Rund eine Viertelmillion junger Menschen in Deutschland studieren Betriebswirtschaftslehre (BWL) als beliebtestes Studienfach. Sie müssen auf die unterschiedlichsten Verwaltungs- und Führungsaufgaben in zunehmend digitalisierten Un­ternehmen vorbereitet werden.

          Die Antwort auf diese Frage ist zweigeteilt. Zunächst müssen Betriebswirte eine fundierte Fach- und Methodenkenntnis für den Einsatz neuer digitaler Technologien mitbringen. Dafür reichen die bisherigen Curricula im BWL-Studium oft nicht mehr aus. Die Grund­lagenausbildung in Statistik, Mathematik und Wirtschaftsinformatik – heute gern unter dem modernen Begriff „Data Science“ zusammengefasst – müssen ge­stärkt und der Umgang mit Big Data und modernen digitalen Technologien wie ma­schinelles Lernen trainiert werden. Und auch jenseits der Analyse großer Datenmengen gilt es, den bewährten Stoff der traditionellen Vorlesungen kritisch auf seine Relevanz hin zu überprüfen, veraltete Elemente zu entschlacken und neue Inhalte aufzunehmen: Wie werden digitale Plattformmodelle aufgebaut, kalkuliert und im Wettbewerb gesteuert? Wie interagieren Menschen mit Algorithmen in der betrieblichen Entscheidungsfindung?

          Bestehendes muss immer wieder hinterfragt werden

          Die Liste neuer In­hal­te ließe sich fortsetzen, und sie zeigt: Betriebswirtschaftliche Fach- und Methodenkenntnis bedeutet im Kontext mit der digitalen Transformation vor allem, die Schnittstelle zur konkreten Anwendung im Unternehmenskontext zu gestalten und die technischen Experten – Programmierer, Informatiker oder Data Scientists – an der richtigen Stelle einzusetzen. Genau dafür müssen Betriebswirte in ihrem Studium digitale Kompetenzen und ein gutes Verständnis der Möglichkeiten und Grenzen neuer Technologien erwerben. Allerdings bleibt damit noch offen, wo der besondere Beitrag (oder in der Sprache der BWL: die „unique selling proposition“) liegt, der Betriebswirte in einer digitalisierten Welt unverzichtbar macht.

          Dies führt zur zweiten Antwort. Ein Blick in die viel zitierte Studie der Oxford-Ökonomen Frey und Osborne zeigt, dass es nicht das Fach- und Methodenwissen sein kann, das Menschen auf Sicht einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Maschinen verschafft. Auch wenn die Anwendung von Fachwissen und betriebswirtschaftlichen Instrumenten in administrativen Verwaltungsabläufen lange Zeit für das Tätigkeitsprofil vieler Betriebswirte charakteristisch war: Diese Aufgaben lassen sich heute mit digitalen Technologien fast vollständig automatisieren. Eines der Stichworte heißt hier „Robotic Process Automation“, sprich der Einsatz von Software-Anwendungen, die etwa den kompletten Prozess von der Kundenbestellung über Lieferung, Rechnungsstellung und Zahlungseingangskontrolle bis hin zu allen notwendigen Bu­chungs- und Reportingschritten ohne menschlichen Eingriff abarbeiten und damit die aus der Produktion hinlänglich bekannte Automatisierung auch in die Verwaltung tragen. Was hingegen gerade nicht an Bots und Algorithmen delegiert werden kann, sind Aufgaben, in denen vor allem Kreativität und soziale Intelligenz die zentralen Voraussetzungen für gute Lösungen sind. Und genau hier setzt der Beitrag an, auf den ein gut strukturiertes betriebswirtschaftliches Curriculum vorbereiten muss.

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