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Universitätsbuchhandlungen : Wenn plötzlich die Kunden fehlen

Digitaler Wandel und Amazon: Vielen Buchhandlungen fehlt eine gute Perspektive. Bild: dpa

Erst der digitale Wandel und jetzt Corona: Viele Universitätsbuchhandlungen stehen vor dem Aus. Die Solidarität von Stammkunden und Universitäten ist für sie überlebenswichtig.

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          Bevor die deutschen Buchhandlungen in der vergangenen Woche wegen des Lockdowns fast überall schließen mussten, hatten viele, die auf oder neben den Campus der Republik angesiedelt sind und sich seit Jahrzehnten und länger „Universitätsbuchhandlung“ nennen, zum Teil schon seit Monaten geschlossen. „Schaten“ im Bochumer Uni-Center, seit sechzig Jahren ein Begriff für viele Studentengenerationen, hatte zwar noch bis zum 15. Dezember geöffnet, wird aber nach dem Lockdown sein Ladengeschäft nicht mehr aufnehmen. Die Schatens werden sich auf das sogenannte Rechnungsgeschäft konzentrieren, also die Buchbestellungen von Instituten, Bibliotheken, Behörden oder Kanzleien.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          „Wir machen heute zu“, sagt Sylvia Schaten, die seit fast dreißig Jahren im Geschäft steht, am Telefon und beschreibt ihre Gefühlslage im Corona-Jahr mit den Worten: „Am Anfang ist man ungläubig, dann meint man, man müsse etwas tun, was dann aber auch nichts hilft. Jetzt sind wir fast froh, dass es vorbei ist. Die letzten Wochen waren nicht mehr schön.“ Man kann sich vorstellen, wie einsam es auf einer Ladenfläche wird, wenn mit den Bochumer Studenten und Universitätsangestellten coronabedingt plötzlich mehr als 40000 potentielle Kunden fernbleiben – „eine ganze Kleinstadt“, wie Schaten sagt.

          Den Hauptumsatz machen Universitätsbuchhandlungen zum Semesterbeginn im April und Oktober. Zum Auftakt des Sommersemesters 2020 brach der Barverkauf bei „Schaten“ um achtzig Prozent ein, im Wintersemester sah das Ergebnis nicht besser aus. In früheren Jahren führten die Bochumer Tutoren die Erstsemester zur Einführung durch die Buchhandlung im Uni-Center, in diesem Jahr fanden die Tutorien weitgehend online statt. Jura, Medizin, Biologie oder Deutsch als Fremdsprache waren bis zuletzt ein stabiler Markt für Fachbücher, das Interesse an geisteswissenschaftlichen Werken hatte in Bochum hingegen schon seit längerer Zeit nachgelassen. Das Ende ihrer Buchhandlung erklärt die sechzig Jahre alte Sylvia Schaten auch damit, dass sie und ihr Bruder skeptisch seien, ob es auch weiterhin die großen Präsenzvorlesungen an den Universitäten geben werde, die täglich Hunderte Studenten ins Uni-Center führten.

          Schon lange vor der Corona-Pandemie hatte sich der digitale Wandel auf dem Fachbuchmarkt bemerkbar gemacht. Viele Dozenten setzen in ihren Veranstaltungen inzwischen Buch-Exzerpte oder Online-Quellen ein. „Die Beziehung zu Texten ist funktionaler geworden“, sagt Hans-Peter Richter, Geschäftsführer eines auf Jura und Wirtschaftswissenschaften spezialisierten Fachbuchverlags. Für viele Studenten ist zudem die Bestellung bei Amazon geradezu selbstverständlich geworden. Diese Entwicklung brachte in den letzten Jahren schon Traditionsgeschäfte wie „Luce“ auf dem Bielefelder Campus zum Aufgeben. Andere Universitäts- und Campusbuchhandlungen versuchten, sich mit einem Ausbau der Belletristik und des Nonbook-Bereichs zu behelfen. Auf den Homepages einiger Universitätsbuchhandlungen werden inzwischen schon Vogelhäuschen und Campuswear angeboten.

          Doch vor allem das eine Muster hat sich in den vergangenen Monaten durch die gesamte Republik gezogen: Alle Universitätsbuchhandlungen, die abseits der Innenstädte liegen, mussten 2020 erhebliche Umsatzeinbrüche hinnehmen. So wird die „Goethe+Schweitzer“- Filiale in der Bonner „Mensa Nassestraße“ wegen Neubauarbeiten im Gebäude sowie Einbußen von achtzig Prozent nicht mehr öffnen, während die Filiale am Hauptgebäude der Universität, in der Nähe des zentralen Münsterplatzes, „überraschend“, wie die Filialleiterin Gundula Strauss sagt, nur etwa fünfundzwanzig Prozent weniger Umsatz als im Vorjahr zu verzeichnen hat. Auch im Lockdown werden weiter Bestellungen entgegengenommen, ausgehändigt werden die Bücher mit einem Liefer- oder Abholservice.

          Die Lage ist entscheidend 

          Ein ähnlich lageabhängiges Bild wie in Bonn zeigt sich in Kiel, Halle, Leipzig, Potsdam und Konstanz. Die „Wissenschaftliche Buchhandlung Hector“ in Frankfurt-Bockenheim, früher im Herzen der Universität gelegen, hatte in dieser Hinsicht Glück im Unglück. Auf dem neuen Campus Westend der Goethe-Universität hatte sich kein Platz für sie gefunden, dafür konnte sie in der Corona-Zeit wenigstens auf die Laufkundschaft rund um die Bockenheimer Warte zurückgreifen.

          Der schlechten Corona-Lage trotzt auch die erst 2016 gegründete „Campus Buchhandlung“ an der Universität Mainz. Auch sie musste einen achtzigprozentigen Verlust im Bargeschäft und einen Umsatzrückgang insgesamt von etwa fünfzig Prozent hinnehmen, doch das Ladengeschäft wird nach dem Lockdown fortgeführt. Die Miteigentümerin Susanne Ditscher hofft, mit Kurzarbeit und Selbstausbeutung der Eigentümer, denen lediglich die Fixkosten ihres Geschäfts erstattet werden, die Buchhandlung bis ins Wintersemester 2021 hinein zu retten. Die Ausbreitung der digitalen Lehre durch Corona bereitet auch Susanne Ditscher Sorge, das Rechnungsgeschäft ist auch für die Mainzer „Campus Buchhandlung“ zum wichtigen Standbein geworden.

          Was keiner der Universitätsbuchhändler ausspricht: Die Solidarität der angestammten Kunden und deren Bestellumsicht könnten sich in der Corona-Krise als überlebenswichtig erweisen. Die Universitäten sollten nicht durch Nachlässigkeit dazu beitragen, dass sich die Marktmacht Amazons weiter vergrößert.

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