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Studieren in Großbritannien : Erfolgsmodell in Gefahr

Nichts los in Oxford. Bild: Getty

Die britischen Universitäten haben jahrelang gut gelebt von den milliardenschweren Studiengebühren internationaler Studenten. Nun bedroht die Corona-Krise dieses Geschäft.

          6 Min.

          Sein erstes Jahr an der Universität Bath hatte sich Banjo Bemand anders vorgestellt. Das „Freshers’ Year“ der Studienanfänger ist meist nicht nur von Vorlesungen, sondern auch von wilden Partys geprägt. Wie eine eiskalte Dusche brach dann im März das Coronavirus über alle herein. Die Pandemie legte das Universitätsleben lahm. „Es ging alles sehr plötzlich, keiner wusste, was kommt“, erinnert sich der 19 Jahre alte Wirtschaftsstudent. Als der Lockdown kam, verließen die meisten Kommilitonen Bath, er ging zurück ins Elternhaus nach London. Dort hörte er die Online-Vorlesungen, absolvierte Online-Klausuren; die restliche Zeit verbringt er nun mit Freunden am neuen Billardtisch in der Garage.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Dramatische Folgen hat die Corona-Krise für die fast 500.000 ausländischen Studenten an den britischen Universitäten. „Einige sind regelrecht in Panik geflohen“, sagt Banjos Freund Sam, der in Edinburgh studiert. Chinesen und Inder stürmten die letzten Flüge, sie fürchteten, sie kämen nicht mehr über die Grenze zurück nach Hause.

          Die verbliebenen internationalen Studenten saßen, als der Lockdown kam, in ihren Wohnheimen fest. „Eine Chinesin blieb zwei Monate lang allein in Edinburgh“, erzählt die deutsche Studentin Luisa Langmann, die in der schottischen Hauptstadt ein Bachelor-Studium angefangen hatte. Sie selbst hat Mitte März in aller Eile einen Flug gebucht und ist zurück nach Deutschland gegangen. Corona war für alle ein Schock. „Das ist die größte Krise der Hochschulen jemals, selbst in den zwei Weltkriegen hatten die Universitäten nicht geschlossen,“ sagt Anthony Seldon, der Rektor der Universität Buckingham.

          Für Deutsche könnte sich Bewerbung trotz Corona lohnen

          Schlagartig musste auch die älteste private Universität des Landes den Vorlesungsbetrieb beenden und auf Online-Kurse umstellen. Seine Hochschule, in dem idyllischen alten Marktplatz Buckingham östlich von London gelegen, habe den Schock recht gut verkraftet, meint Seldon. Die Universität besitzt einen großen, weitläufigen Campus an einem Fluss, da ist „Social Distancing“ recht gut machbar.

          Sorgen bereiten nun aber die finanziellen Auswirkungen der Corona-Krise: Auf das Virus wird die Finanznot folgen. Corona trifft die englischen Hochschulen schwerer als die meisten Hochschulen in Europa, denn sie finanzieren sich zum großen Teil mit den hohen Studiengebühren internationaler Studenten. Und deren Zahl dürfte in diesem Herbst einbrechen, denn die Virus-Pandemie hat viele abgeschreckt. Zumindest denken viele potentielle Bewerber zweimal nach, ob ausgerechnet jetzt, inmitten einer globalen wirtschaftlichen Krise, der richtige Zeitpunkt ist für ein teures Studium in Großbritannien. Mehr als hunderttausend internationale Interessenten könnten in diesem Jahr fortbleiben.

          Um bis zu 2,5 Milliarden Pfund (2,7 Milliarden Euro) könnten damit die Einnahmen der Hochschulen auf der Insel fallen, rechnet eine Studie der Beratungsgesellschaft London Economics vor. Ein solches Loch in den Budgets der Unis würde einen harten Sparkurs erzwingen: Forschungsprojekte würden zusammengestrichen, Baupläne verschoben, Mitarbeiter entlassen, wohl als erstes die mit befristeten Verträgen. Dreizehn Unis sind sogar angesichts der Einnahmeausfälle von Insolvenz bedroht, wenn sie nicht mehr Staatshilfe bekommen, warnt das Institute for Fiscal Studies in einer aktuellen Berechnung. Namen nennt es keine.

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