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Studenten helfen Gemeinde : Ein Dorfladen für mehr Lebensqualität

  • -Aktualisiert am

Das marode Gebäude des früheren Lebensmittelladens in Golzow, Brandenburg Bild: ZB

Eine Bäckerei, eine Eisdiele und ein Dönergeschäft: Das sind alle Läden, die es im brandenburgischen Golzow noch gibt. Studenten der TU Darmstadt wollen das Angebot erweitern – und starten ein außergewöhnliches Projekt.

          3 Min.

          Golzow – eine kleine Gemeinde im Osten Brandenburgs. Die Einwohnerzahl sinkt seit Jahrzehnten, junge Menschen ziehen weg oder pendeln zum Arbeiten in größere Städte. Bis auf eine Bäckerei, eine Eisdiele und ein Dönergeschäft gibt es dort keine Läden mehr. Studenten der Technischen Universität Darmstadt wollen das ändern. Sie haben sich mit den Bewohnern von Golzow zusammengeschlossen, um im Ort einen sogenannten „Dorfladen plus“ zu eröffnen.

          „Wir haben festgestellt, dass in Golzow nicht nur ein Lebensmittelgeschäft fehlt“, sagt Nina Gribat, Professorin für Entwerfen und Städtebau am Fachbereich Architektur. Es fehlten auch eine Paketstation, ein Metzger, eine Apotheke oder ein Café. Gemeinsam mit ihren Kollegen Iman Charara und Christoph Muth sowie einer Gruppe Studierender arbeitete sie ein Konzept aus. Geplant sei ein Geschäft, in dem die Bürger nicht nur Lebensmittel kaufen können, sondern auch Briefmarken bekommen, sich mit Nachbarn auf eine Tasse Kaffee treffen oder abends eine Lesung besuchen können. „Unser Ziel ist es, die Lebensqualität für heutige und künftige Einwohner zu verbessern“, sagt Gribat.

          Für ihr Projekt wählten die Studenten und ihre Dozenten ein leerstehendes Ladengeschäft im Ortszentrum aus. Der Bürgermeister von Golzow hatte sich an Christoph Muth gewandt, nachdem dieser bereits für ein anderes Forschungsprojekt mit den Einwohnern zusammengearbeitet hatte. Der Bau des Dorfladens biete die Gelegenheit, realitätsnahe und problemorientierte Lehrveranstaltungen anzubieten, sagt Gribat. Dazu zähle ein Entwurfsprojekt, das ein Semester lang dauert.

          Den direkten Dialog als Ziel

          Die Studenten waren dreimal in Golzow. Sie haben mit den Bürgern über ihre Entwürfe diskutiert und zwei Wochen lang Möbel gebaut, die sie selbst entworfen haben. Frauen aus der Nachbarschaft hätten ihre Nähmaschinen vorbeigebracht, um Stoffe zu verarbeiten, während die Männer beim Verputzen und Streichen der Wände geholfen hätten, sagt Gribat. Der direkte Dialog sei von Anfang an das Ziel gewesen. Deshalb trage das Projekt auch den Namen „Dorfgemeinschaffen“.

          Bei der Umsetzung war das Team auf finanzielle Hilfe von Stiftungen, Unternehmen und Vereinen angewiesen. Fachliche Unterstützung bekamen die Studenten von Handwerkern der mobilen Werkstatt „Baucircus“. Einer der nächsten Schritte werde der Durchbruch zwischen dem neuen Dorfladen und der angrenzenden Bäckerei sein. Die verbliebenen Geschäfte würden in die Planung einbezogen. Die Trägerschaft für den Laden übernähmen die Bürger. Sie seien gerade dabei, einen Verein zu gründen. „Es ist unglaublich, wie aktiv die Leute dort sind“, sagt Gribat.

          Die Gemeinde im Oderbruch war lange Zeit als „Gemüsegarten Berlins“ bekannt. Während der DDR entstand dort der Musterbetrieb einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, der erfolgreich gewirtschaftet hat. Ein Teil der Gewinne floss in die Infrastruktur des Ortes. Damals gab es in Golzow eine beheizte Schwimmhalle, mehrere Läden und Handwerksbetriebe sowie einen landwirtschaftlichen Ausbildungsbetrieb.

          Es kommen kaum noch Kinder nach

          Nach der Wende wurde die Produktionsgenossenschaft privatisiert und der daraus hervorgegangene landwirtschaftliche Großbetrieb nach marktwirtschaftlichen Grundsätzen strukturiert. In Golzow wurde daraufhin ein Großteil der Arbeits- und Ausbildungsplätze abgebaut, die Zahl der Einwohner und Geschäfte ging stark zurück.

          Mehrere Dokumentarfilme, die zwischen 1961 und 2005 in Golzow gedreht wurden, beleuchten den Wandel der Gemeinde und das Leben der Bewohner. Ein Museum im Ort widmet sich dem Filmprojekt, das den Namen „Die Kinder von Golzow“ trägt. Mittlerweile müssen die Bürger um den Erhalt der Grundschule kämpfen, weil kaum noch Kinder nachkommen. Und auch von den Gemüsesorten, die dort angebaut werden, profitieren die Golzower schon lange nicht mehr. „Die Betreiber verkaufen ihre Ware vor allem auf Märkten in Berlin oder Frankfurt an der Oder“, sagt Gribat. Für die immer älter werdenden Bewohner, die oftmals über kein eigenes Auto verfügen, komme es zu Engpässen.

          Die Professorin hofft, dass der Mehrwert des Ladenkonzeptes so groß ist, dass sich der Einsatz für die Golzower lohnt. Die Studenten hätten schon jetzt von dem Projekt profitiert. Nicht nur, weil es sehr befriedigend sei, die Umsetzung der eigenen Pläne und die unmittelbaren Reaktionen zu erleben. Die Studenten lernten auch, dass immer wieder Schritte der Anpassung nötig seien, sagt Gribat. „Das halte ich für sehr wertvoll.“

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