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Arbeiterkinder an der Uni : Immer zwischen den Stühlen

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

In Deutschland ist Bildung immer noch eine Frage der sozialen Herkunft. Gerade für Arbeiterkinder ist ein Uni-Abschluss keine Selbstverständlichkeit. Unser Autor geht den Gründen nach.

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          Es gibt Momente, auf die darf man stolz sein: Als ich mein Bachelorzeugnis abholte, konnte ich es kaum glauben: „Mit Auszeichnung“ stand auf dem dicken Papier mit Siegel, für das ich so lange gearbeitet hatte. Ich hätte niemals gedacht, dass ich an der Uni so erfolgreich sein würde. Das hat nichts mit Bescheidenheit zu tun, sondern liegt schlicht an dem Bewusstsein über meine Herkunft. Ich bin Arbeiterkind. Meine Eltern haben nicht studiert, sondern die Hauptschule besucht. Mein Vater arbeitete als Maschinist, meine Mutter als Verkäuferin. Nach Zahlen einer aktuellen Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes kommen nur rund ein Drittel aller Studierenden an deutschen Hochschulen aus nichtakademischen Familien. Nicht einmal jeder zehnte Studierende kommt aus einem Haushalt, in dem die Eltern die Schule mit einem Hauptschulabschluss verlassen haben. In Deutschland ist Bildung also immer noch eine Frage der sozialen Herkunft.

          Wieso ist das so? Die harten Fakten der Ungleichheit im System sind bekannt: Das deutsche Schulsystem teilt Kinder früh in die verschiedenen Schulformen ein, oft fehlt es an Nachhilfe, oder Finanzierungsprobleme machen einer weiterführenden Ausbildung einen Strich durch die Rechnung. Viel seltener aber werden die weichen Faktoren betrachtet, die zu beeinflussen so schwierig sind und die uns Arbeiterkinder oft daran hindern, am Bildungstraum teilzuhaben. Insbesondere eines wird unterschätzt: die eigene Furcht vor dem Unbekannten. Eine akademische Bildung ist auch eine Frage des Milieus. Wer als Erster in der Familie die Uni besucht, verlässt nicht nur das Zuhause in die Studenten-WG in einer anderen Stadt, sondern wechselt – so antiquiert das klingen mag – die Schicht. Dieser Wechsel geschieht aber nicht einmalig, sondern mit jedem Wochenendbesuch zu Hause. Das ist anstrengend. Mit der Zeit lernt man, sich an die unterschiedlichen Rollen anzupassen. Was in Kindheit und Jugend Achtung brachte, ist im akademischen Milieu nichts mehr wert, und für das, wofür einen Kommilitonen und Professoren schätzen, erntet man zu Hause Unverständnis. Meine Familie ist natürlich stolz auf das, was ich erreicht habe. Meine Eltern stehen vollkommen hinter mir und nehmen an meinem Alltag teil, wie bei jeder anderen gut funktionierenden Familie auch. Wir telefonieren sonntags, bei Besuchen zu Hause sprechen wir darüber, was wir in der vergangenen Zeit erlebt haben, und vor Klausuren senden sie mir eine Whatsapp-Nachricht mit Kleeblatt-Emoticon zum Anfeuern. Wir sprechen darüber, wie das alles funktioniert an der Uni. Aber ein Gefühl von Fremdheit bleibt: Ich achte genau darauf, welche Worte ich wähle, und oft gelingt es mir nicht, die richtigen zu finden, um diese ferne Welt verständlich zu machen. Unsere Erfahrungswerte sind verschieden: Ich habe keine Ahnung von körperlicher Arbeit, meine Eltern dafür weniger von Kopfarbeit. Wir blicken unterschiedlich auf Dinge, ich von weit oben, sie von nah dran. Beides ist gut und wichtig. Aber den Eltern nicht genau erklären zu können, was einen umtreibt, ist ein eigenartiges Gefühl.

          Eine Frage der Perspektive

          Ein Beispiel dafür ist diese Anekdote: Besuch bei den Eltern in den Semesterferien. Ich schalte durch die Fernsehkanäle, bleibe bei der Aufnahme einer Medea-Inszenierung hängen, und mein Germanisten-Hirn fängt an zu qualmen. Auf der Mattscheibe ist es düster, das Deutsch ist geschwollen. Für meine Eltern auf dem Sofa neben mir ist das die Hölle, denn das ist schon was für Feinschmecker. Ich solle den Mist wegmachen, raunzt es – und ich explodiere. Das ist doch kein Mist, sage ich, und nebenbei: Es ist mein Leben! Das war natürlich ein bisschen unfair, aber so sind Gefühle. Ich hätte mit meinen Eltern darüber sprechen sollen, was an uralten Texten so spannend ist und warum es sich lohnt, darüber nachzudenken. Aber einander verstehen heißt, sich einander erklären. Das ist anstrengend, und man hat nicht immer Lust darauf.

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