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Plagiate an der Uni Innsbruck : Tiroler Folgenlosigkeit

  • -Aktualisiert am

Doktorenschmiede : Die alte Universität Innsbruck Bild: action press

An der Universität Innsbruck werden Plagiate nicht gesehen – oder man sieht sie und tut nichts. Wie kann das sein?

          5 Min.

          Ende August schickte der Salzburger Plagiatsforscher Stefan Weber mal wieder eine Tabelle an die Universität Innsbruck. Auf 37 Seiten sind ungekennzeichnete Übernahmen in der Dissertation von Otto Carstens vermerkt. Im Jahr 2010 wurde der schleswig-holsteinische Staatssekretär für Justiz „zum Themenbereich Politikgestaltung/Lobbyismus“ (Selbstbeschreibung Carstens) promoviert. Seitdem darf sich der Christdemokrat mit einem Dr. jur. aus Innsbruck schmücken. Dass die Schrift nicht einmal das Niveau einer durchschnittlichen Seminararbeit im Grundstudium erreiche, konstatierte der Gießener Rechtslehrer Steffen Augsberg in einer Rezension. Steht die Dissertation, die von Waldemar Hummer und Werner Schroeder betreut wurde, exemplarisch für die Betreuungsqualität oder gar Forschungsleistung der Innsbrucker Universität?

          Im Zeitraum zwischen 2006 und 2021 gab es 31 Verdachtsfälle zu Verstößen gegen die gute wissenschaftliche Praxis, davon achtmal die Rechtswissenschaft betreffend, erklärt Rektor Tilman Märk auf Nachfrage. Wie oft Doktorarbeiten betroffen waren, schlüsselt er nicht auf. Märk betont, dass sich die Hinweise oft schon in einer Erstbetrachtung als völlig substanzlos und/oder aus einer persönlichen Motivation heraus entspringend darstellen.

          „Wir hatten als Motive unter anderem berufliche Auseinandersetzungen beziehungsweise Konkurrenzverhältnisse, persönliche, zum Teil auch private Differenzen unterschiedlichster Ausprägung, Versuche, einen politischen Gegner anzupatzen und Ähnliches.“ Märks Äußerung lässt darauf schließen, dass Motive von Hinweisgebern in Innsbruck genau untersucht werden. Das ist erstaunlich, denn am Plagiatstatbestand und den möglichen Folgen ändert es nichts. Jüngst konnte eine Habilitation aufgrund schwerer Verstöße gegen die gute wissenschaftliche Praxis nicht positiv beurteilt werden. „In diesem Fall wurde der Titel nicht verliehen“, betont Märk. In keinem Fall aber erfolgte in den vergangenen 15 Jahren die Aberkennung eines akademischen Grades.

          Datenschutz und Amtsverschwiegenheit

          „Damit nimmt die Universität eine Sonderstellung unter den Hochschulen im deutschsprachigen Raum ein“, sagt der Plagiatsexperte und Rechtsprofessor Gerhard Dannemann: „Innsbruck entzieht anscheinend grundsätzlich keine Grade.“ Nun ist die Gesetzeslage in Österreich anders als im Rest Europas. Dem Täter ist nachzuweisen, dass er sich seinen Grad „erschlichen“ hat. Nach der Rechtsprechung handelt es sich bei der Erschleichung um ein vorsätzliches Verhalten.

          Dieser Vorsatz zeigt sich entweder im Vorbringen falscher Angaben von wesentlicher Bedeutung mit Irreführungsabsicht oder dem Verschweigen wesentlicher Umstände. Beides muss zum Ziel haben, einen für sich günstigen Erfolg zu erlangen. Ob das gegeben ist, wird nach den Umständen des Einzelfalles beurteilt. An der Universität Wien führten zuletzt 49 abgeschlossene Verfahren zu 27 Aberkennungen, in weiteren Fällen wurde der Grad für „nichtig“ erklärt, was die Vorstufe einer Aberkennung ist. Das zeigt eine Statistik, die der F.A.Z. vorliegt.

          Auf die Diskrepanz zu Innsbruck angesprochen, verweist Märk auf fehlende bundeseinheitliche Vorgaben für derartige Aufstellungen. Jede Universität lege ihre Statistik, „wenn sie überhaupt eine solche laufend führt“, anders an. Eine nationale Studie sollte dieses Manko nun ändern, doch diese liegt seit Monaten unpubliziert in den Schubladen des Bildungsministeriums. Aus Wien heißt es dazu, die Untersuchung werde „im Herbst“ präsentiert.

          Spricht man Rektor Märk indes auf einen konkreten Plagiatsfall an, zu dem sich sogar die Österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität äußerte, verweigert er jegliche Auskunft. Es ist grundsätzlich nicht in Erfahrung zu bringen, wie sich die Universität zu Plagiatsvorwürfen verhält. Ganz anders ist das etwa an der FU Berlin: Die veröffentlichten Erläuterungen zu Franziska Giffeys Studie füllen inzwischen Bände. Innsbrucks Rektor verweist dagegen auf Datenschutz und Amtsverschwiegenheit.

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