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Auslandsaufenthalte : Vom Nutzen und Nachteil akademischer Mobilität

  • -Aktualisiert am

Der Innenhof der Mailänder Universität Bild: Picture-Alliance

Der globale Netzwerker gilt als Leitbild für Wissenschaftler: Eine Studie ordnet die Vorteile der Reisetätigkeit nüchterner ein.

          3 Min.

          Ein akademischer Lebenslauf ohne Auslandsaufenthalt? Heutzutage eigentlich undenkbar. Wissen muss materiell wie immateriell frei zirkulieren. Also müssen vor allem junge Wissenschaftler ihre Biographien mit Stationen jenseits der eigenen Sprachgrenzen aufwerten. Entsprechend groß war die Empörung, als der Europäische Rat im Juli die erhofften Steigerungen beim Erasmus-Programm der EU deutlich zurückfuhr. Es sei „enttäuschend“, so HRK-Präsident Peter-André Alt, dass die EU die Mittel für ihr akademisches Austauschprogramm senke. Junge Menschen müssten doch reisen, gerade jetzt in den Zeiten der Pandemie!

          Nun sollen dafür zwar immer noch 21,4 Milliarden Euro aus dem künftigen EU-Haushalt bereitstehen, doch Alt hofft auf eine „Trendumkehr“ im September – man werde schon EU-Abgeordnete finden, die ein „wirklich zukunftsträchtiges Europa“ wollten. Aber hängt die Zukunft des Kontinents wirklich von der Beweglichkeit seiner Wissenschaftler ab?

          Erstaunlicherweise weiß die Wissenschaft selbst relativ wenig über die segensreichen Wirkungen der Mobilität ihrer Mitglieder. Was bisher fehlte, ist eine vergleichende Auswertung dieser fragmentarischen Forschung, die eine belastbare Antwort auf die Frage gäbe, ob das alles wirklich seinen Zweck wert ist. Vielleicht reist man ja nur, weil Sesshaftigkeit den Verdacht erregt, man traue sich die Selbstbehauptung in der globalisierten Forschung nicht zu. Und selbst wenn die positiven Effekte der Auslandsaufenthalte auf die eigenen Karrieren unbestritten wären – profitiert die Gesellschaft als Ganzes davon? Und kommt man wirklich gebildeter heim, als man losgefahren ist?

          Nicolai Netz, Svenja Hampel und Valeria Aman haben sich in einer Studie des DZHW die Mühe gemacht, eine solche komparative Auswertung durchzuführen. Aus 702 seit 1994 erschienenen relevanten Studien konnten sie immerhin 96 Publikationen herausfiltern, deren Funde eine systematische Überprüfung zuließen. Ihr genereller Befund: Ja, internationale Mobilität hat einen positiven Effekt auf wissenschaftliche Karrieren, das belegten zahlreiche Studien. Doch es gebe auch viele Studien, die von negativen Effekten berichteten.

          Planbarkeit von internationalen Karrieren verbessern

          Manches deutet auch auf Trivialitäten hin: etwa dass internationale Mobilität dabei helfe, sich besser in ausländischen Wissenschaftssystemen zurechtzufinden. Oder dass sie einen starken Effekt auf die Inklusion in internationale Netzwerke habe. Allerdings auch nur, solange man die Reiserei kontinuierlich fortsetzt – Netzwerke seien keine Selbstläufer, sie lebten von tatsächlicher Interaktion. Obendrein sind Netzwerke auch nicht an sich von wissenschaftlichem Wert, das wäre eher die Leistungsfähigkeit der Beteiligten. Steigt die mit der Häufigkeit oder Länge der Auslandsaufenthalte?

          Schaut man sich eine Variable wie die wissenschaftliche Produktivität an, zeigen die Befunde ein ernüchterndes Bild. Neunzehn der verwertbaren 34 Studien dazu belegten zwar einen positiven Effekt der Mobilität, doch die anderen fünfzehn fanden keinen, einen negativen oder einen sehr heterogenen Effekt auf die wissenschaftliche Produktivität. Ein leistungssteigernder Effekt scheint sich primär dann einzustellen, so die Autoren der Studie, wenn der Auslandsaufenthalt den Aufstieg zu einer besseren Einrichtung bedeutet. Was aber wohl für jeden beruflichen Aufstieg gelten dürfte, ganz unabhängig von den dabei zurückgelegten Kilometern. Doch auch hier fänden sich rasch Abnutzungseffekte: Mobilität erhöhe den wissenschaftlichen Einfluss, gemessen an Zitationen und den Impaktfaktoren der Publikationsorte. Allerdings verschwinde auch dieser Effekt wieder, wenn die Wissenschaftler permanent im Ausland blieben.

          Das gelte besonders für die Beschäftigungssituation, wo es auf ganz bestimmte Umstände ankomme, damit der Auslandsaufenthalt der eigenen Karriere nicht sogar schade. Es gebe einige Hinweise darauf, dass Auslandsaufenthalte etwa die Promotionsdauer und die Zeit bis zu einer Festanstellung verkürzten. Doch es fänden sich eben genauso Belege für das Gegenteil. Für Einkommensverbesserungen stelle sich das gleiche Bild dar – wenig spricht dafür, vieles dagegen. Überhaupt scheint eine entsprechende Verbesserung der akademischen Position dann eher wieder die Folge einer Steigerung der eigenen Publikationen zu sein, die aber auch wiederum abhängig ist vom akademischen Umfeld, in das einen die Mobilität geführt hat.

          Eine Wissenschaftspolitik, die etwas für die Förderung akademischer Mobilität leisten möchte, sollte nach dieser Studie eher bei den Rahmenbedingungen ansetzen. Etwa bei der Übertragbarkeit von im Ausland erworbenen Sozialleistungsbeiträgen oder bei der Kompatibilität von Tenure-Track-Programmen. Das Ziel wäre, so die Autoren, die Planbarkeit von internationalen Karrieren zu verbessern, ansonsten erwiesen sich diese nämlich häufig als Sackgasse.

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