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Archäologen schauen „Barbaren“ : Eine bunte Varusschlachtplatte

  • -Aktualisiert am

Sah es so aus? Neun nach Christus im Teutoburger Wald Bild: Netflix

Es lag mehr als nahe, den Stoff um die Schlacht im Teutoburger Wald zu verfilmen. Wie viele Mythen hat Netflix aufgewärmt? So blicken die Archäologen Matthias Wemhoff und Karl Banghard auf die Serie „Barbaren“. Ein Gastbeitrag.

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          Prof. Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte Berlin, Landesarchäologe:

          Ich habe es geschafft, die ersten beiden Folgen der Netflix-Serie „Barbaren“ anzusehen. Hier meine Eindrücke:

          Wieso arbeitet eigentlich niemand auf den Feldern? Die Häuser stehen dichtgedrängt inmitten von Wald, von der Struktur und Lebensweise einer bäuerlichen Gesellschaft entsteht kein Bild, statt der vielen Erkenntnisse zur offenen Landschaft in weiten Teilen der „Germania“  wird der alte römische Topos der dunklen, undurchdringbaren Waldlandschaft gepflegt, zweifellos ein besserer Ausgangspunkt für die späteren Schlachtszenen.

          Warum nicht Altgermanisch?

          Die beiden germanischen Hauptakteure könnten auch einer heutigen RTL-Produktion entsprungen sein, die Sprache passt auf jeden Fall. Aber Vorsicht, hier wird das Klischee bedient, dass ländliche Gesellschaft stets einen ruppigen, sprachlich völlig unbedarften Umgang pflegen und Verhaltensweisen an den Tag legen, die in unserer heutigen Gesellschaft als eher primitiv beurteilt werden. Dem komplexen Verhaltenskanon in einer über Jahrhunderte relativ fest gefügten Gruppe wir dies nicht gerecht.

          Matthias Wemhoff
          Matthias Wemhoff : Bild: Picture-Alliance

          Dass die Römer Latein sprechen, ist eine Wohltat in dem Film, es hätte auch gut getan, wenn das Altgermanische die simple Sprache der Barbaren wohlklingender und unverständlicher zu Gehör gebracht hätte.

          (Das vom Autor und Michael Schumacher geleitete Ausstellungsprojekt „Germanen. Eine archäologische Bestandsaufnahme“ läuft gerade im Neuen Museum und der James-Simon-Galerie, Berlin)

          ****

          Karl Banghard
          Karl Banghard : Bild: privat

          „Während bei 'Babylon Berlin' großer Zirkus um jedes Achselhaar gemacht wird, scheint für die frühgeschichtliche Sachkultur alles beliebig“

          Karl Banghard, Direktor des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen:

          Eigentlich müsste ich mich über die erste Staffel „Barbaren“ bei Netflix freuen. Schließlich leite ich das älteste germanische Freilichtmuseum der Welt im Schatten des Hermannsdenkmals. Hier in der lippischen Provinz wird üblicherweise jede Werbung zum Thema euphorisch begrüßt. Aber ich befürchte, dass die Geschichte so unterkomplex ist, dass die Kundschaft vor dem Fernseher einschläft, bevor sie sich dazu aufrafft, zu uns in den Teutoburger Wald zu fahren.

          Uns allen dürfte klar sein, dass „Barbaren“ wenig mit der Alltagsgeschichte der Zeitenwende zu tun hat. Mehr noch: Selbst dort, wo es leicht gewesen wäre, die simpelsten, völlig problemlos zugänglichen Erkenntnisse zur germanischen Sachkultur einzubauen, hat man dies unterlassen. Dabei hätte eine Orientierung an der Archäologie die Serie nicht langweiliger sondern vielmehr abgefahrener gemacht. Man denke nur an die ausgefallene Kleidung der germanischen Oberschicht. Das hätte zum kommerziellen Erfolg beigetragen, worum es schließlich geht. Denn Geschichte ist eine kostbare Ressource für Netflix. Ein Stoff, der für diesen Markt leider viel zu billig zu haben ist.

          Schon allein die Scheiterhaufen, die infolge der blutigen Story reichlich zu rauchen haben: Damit hätte man keinen Bratapfel durchgegart, geschweige denn eine Leiche kremiert. Oder die Johannisbeeren. Johannisbeeren! Der Film-Varus verspeist sie, obwohl Johannisbeeren erst in der Neuzeit kultiviert wurden. Sogar die steinzeitlichen Pfahlbauer, denen ansonsten keine Frucht zu sauer war, konnten dem Geschmack der undomestizierten ribes alpinum nichts abgewinnen. In den Pfahlbauerfäkalien finden sich alle möglichen Samen, aber keine Johannisbeeren. Und das, obwohl die Wildform vor allem in den Alpen wuchs, dem Einzugsgebiet der Uferrandsiedlungen. Bis zu den Römern hat sich diesbezüglich nichts verändert. 

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