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Arbeiterkinder an der Uni : Wenn Mama und Papa nicht studiert haben

  • -Aktualisiert am

Projekt setzt bereits vor dem Studium an

Bei solchen Problemen finden Studenten der ersten Generation seit Jahren Unterstützung bei der Initiative „Arbeiterkind“. Gegründet wurde sie im Jahr 2008 von Katja Urbatsch. Sie selbst war die erste Studentin ihrer Familie und hatte die Idee für ein Portal, das Erststudenten mit Informationen rund ums Studium versorgt. Schnell nahmen die Medien das Thema auf, so dass sich immer mehr Menschen bei Urbatsch meldeten: Sie hatten während ihres Studiums ähnliche Erfahrungen gemacht und wollten sie unterstützen. „Arbeiterkind“ wurde eine gemeinnützige Organisation, in der sich mittlerweile rund 6000 Ehrenamtliche engagieren.

„Die meisten Ehrenamtlichen sind selbst Studierende der ersten Generation“, sagt Lisa Thelen, Sprecherin von „Arbeiterkind“. „Deshalb können sie sehr empathisch auf die Fragen der Erststudierenden reagieren.“ Neben der Website, auf der sich Studenten zum Beispiel über Stipendien, Bafög und Auslandssemester informieren können, bietet „Arbeiterkind“ mittlerweile auch ein Infotelefon und offene Treffen an 80 Standorten an. Dort beantworten die Mentoren den Schülern, Studenten und Eltern ihre Fragen. Darüber hinaus steht den jungen Erwachsenen ein soziales Online-Netzwerk mit verschiedenen Themenseiten und einem Diskussionsforum zur Verfügung. „Wer zum Beispiel Fragen zum Bewerbungsverfahren hat, kann sie im Netzwerk stellen. Oft findet sich dann jemand, der seine Erfahrungen teilt“, sagt Thelen.

„Arbeiterkind“ setzt bereits vor dem Studium an. Die Ehrenamtler gehen in Schulen und erzählen in kurzen Vorträgen von ihrer eigenen Bildungsgeschichte, um die Schüler zu ermutigen. Andere Förderprogramme konzentrieren sich ganz auf die erste Zeit an der Uni. So auch das Pilotprojekt „SHK-Stellen für Studierende der ersten Generation“ an der Universität Köln, das der Kölner Studierendenfonds im vergangenen Jahr gestartet hat. Um vom Geld des Fonds zu profitieren, müssen sich die Studenten der ersten Generation gemeinsam mit einem Dozenten um die Finanzierung einer Hilfskraftstelle bewerben. Das Ziel des Projekts: Studenten aus Nichtakademikerfamilien sollen frühzeitig in den wissenschaftlichen Betrieb einer Universität eingebunden werden.

Wie sieht eigentlich Berufsalltag eines Wissenschaftlers aus?

Wichtig ist den Initiatoren eine enge Zusammenarbeit zwischen Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeitern, von der beide Seiten profitieren. „Wir wollen den Studenten zeigen, was wissenschaftliches Arbeiten konkret bedeutet“, sagt Anne Haffke. Sie arbeitet am Referat „Gender und Diversity“ der Uni Köln und betreut das Projekt. Laut Haffke wissen viele Studenten aus nichtakademischen Familien kaum etwas über die Jobmöglichkeiten einer Universität: Häufig erfahren sie erst durch das Pilotprojekt, dass es solche Hilfskraftstellen überhaupt gibt. „Deshalb ist es wichtig, Studenten mit den Professoren und Dozenten zu vernetzen. Sie sollen beispielsweise einmal mit zu einer Tagung fahren, um zu verstehen: Wie sieht eigentlich der Berufsalltag eines Wissenschaftlers aus?“, erklärt Haffke. Viele Dozenten, die in ihrer Familie ebenfalls die ersten Akademiker sind, unterstützen die Studenten auf fachlicher und menschlicher Ebene.

Jan Spiegel, der im nächsten Semester sein Studium abschließen wird, hätte sich mehr Hilfe von der Kölner Universität gewünscht. Bei Fragen habe er sich meistens an seine Kommilitonen gewandt, vor allem im ersten Semester. „Während des Studiums habe ich auch eine Dozentin kennengelernt, die mir zum Beispiel bei Fragen zum wissenschaftlichen Schreiben geholfen hat“, erzählt er. „Aber da hatte ich großes Glück. In der Regel sind die Vorlesungen einfach zu groß, als dass sich die Lehrenden auf einzelne Studenten fokussieren könnten.“

Spiegel wünscht sich, dass Angebote wie die von „Arbeiterkind“ im Uni-Alltag präsenter werden. Viele Studenten der ersten Generation kämen nämlich gar nicht darauf, sich über Förderprogramme, die für sie infrage kommen könnten, zu informieren – eben weil sie so stark damit beschäftigt sind, sich mit dem Lernstoff, dem Campus und dem Uni-Alltag vertraut zu machen.

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