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Training für Studenten : Wie man digitaler Doktor wird

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So ein praxisnahes Training solle in den Lehrplan aufgenommen werden, findet die 24 Jahre alte Antonia Becker, Frankfurter Medizinstudentin im achten Semester. „Im Studium sehe ich momentan die größten Probleme darin, dass viel zu kurz kommt, was später als Ärzte einen Großteil unseres Alltags ausmachen wird.“ Etwa Volkskrankheiten wie Rücken- oder Kopfschmerzen und wie man ungefährliche von gefährlichen Ursachen unterscheidet, wie man Diabetes oder Bluthochdruck einstellt oder wann man gegen was impfen muss. „Vieles, was wir lernen, ist sehr spezifisch, und ich frage mich, ob das jeder Arzt jeder Fachrichtung kennen muss – zum Beispiel seltene Ionenkanalerkrankungen oder Hornhautdystrophien. Obwohl seit Jahren darüber diskutiert wird, besteht unser Studium immer noch aus zu viel Theorie. Wie sollen wir dann denn gute Ärzte werden?“

Professorin Harendza legt viel Wert darauf, dass ihre Studenten ein Gefühl für das spätere Arztsein bekommen. Wie es ist, selbständig Entscheidungen treffen zu müssen, es nicht als Schwäche zu empfinden, wenn man den Oberarzt um Rat fragen muss, und sich gegenüber dem Patienten verantwortlich fühlen. „Mir berichten die Studenten immer wieder, dass sie so eine Verantwortung bisher nie im Studium gespürt haben“, sagt sie. „Und das kurze Zeit, bevor sie ihre Arztprüfung ablegen und der Ernst des Lebens losgeht.“ Deshalb sei es ihr auch so wichtig gewesen, ihre Trainings trotz Corona weiterhin anzubieten. Inzwischen gibt es einige Hinweise aus Studien, dass Studenten von telemedizinischen Trainings profitieren – vor allem aus Ländern wie Australien, wo Arzt und Patient oftmals weit weg voneinander wohnen.

Digitale Kompetenz ins Studium integrieren

Er halte Videotrainings wie das in Saarbrücken oder in Hamburg für sehr sinnvoll, sagt Daniel Bechler, Bundeskoordinator für Medizinische Ausbildung in der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland und Medizinstudent im achten Semester in Köln. „Doch solch einzelne Ansätze, die dann noch freiwillig sind, reichen nicht. Digitale Kompetenzen sollten umfassend ins Studium integriert werden. Während die Gesundheitsversorgung in Deutschland mit elektronischer Patientenakte, Telemedizin und Gesundheits-Apps immer digitaler wird, hinkt unsere Ausbildung hinterher.“

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Videosprechstunden können eine wertvolle Hilfe sein – nicht nur in der Corona-Krise. Patienten, die eine Grippe haben, können ihren Arzt vorab per Video konsultieren, statt alle Mitpatienten im Wartezimmer anzustecken. Patienten mit chronischen Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck können ihren Arzt erst einmal online fragen, was sie tun sollen, wenn Zuckerwerte oder Blutdruck durcheinandergeraten sind. Nach einer Schnittwunde kann man dem Arzt auch mal per Video zeigen, dass die Wunde gut verheilt, und man kann ihn fragen, ob man wegen des Ausschlags unbedingt zum Dermatologen gehen muss.

Doch bei aller Euphorie für die neuen Techniken und bei aller Notwendigkeit für Videokonsultationen in der derzeitigen Krise dürfen die grundlegenden Aspekte des Arztberufes nicht außer Acht gelassen werden. Eine vernünftige Diagnose lässt sich in den allermeisten Fällen nur stellen, wenn der Arzt den Patienten gesehen und untersucht hat. Jede noch so beste Technik kann den persönlichen Eindruck nicht ersetzen. „Entscheiden zu können, wann ein Videogespräch nicht ausreicht, halte ich für ein enorm wichtiges Lernziel für die Studenten“, sagt denn auch Internistin Harendza. „Die ganze Technik nützt ja nichts, wenn man verpasst, den Patienten in die Praxis zu bitten, und er dann womöglich stirbt.“

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