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Training für Studenten : Wie man digitaler Doktor wird

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Konfrontiert werden die Studenten zudem mit allen möglichen „Fallstricken“. So klagt zum Beispiel ein Patient über seine Herzprobleme und nimmt nebenbei einen großen Schluck aus seiner Bierflasche – der Student sollte hier unbedingt nach den Trinkgewohnheiten fragen. Baulärm ertönt aus dem geöffneten Fenster vom Schauspiel-Patienten, es läuft laute Musik, einmal rennt ein Hund durch’s Bild – der Student sollte den Patienten bitten, für Ruhe zu sorgen. Oder er muss ihn auffordern, das Licht einzuschalten, wenn es so dunkel ist, dass er eine Hautveränderung nicht erkennen kann. „Das Eindrucksvollste, was ich gelernt habe, war, wie wichtig und essentiell das genaue Nachfragen ist“, sagt die 26 Jahre alte Oras Obuda, die im zehnten Semester Medizin studiert. „Eine meiner Schauspiel-Patientinnen erzählte mir, sie habe seit Jahren hohen Blutdruck, aber keiner könne sich das erklären. Nur weil ich hartnäckig blieb, fand ich heraus, dass sie pro Tag zwei Liter Kaffee trinkt.“ Vermutlich sei deshalb der Blutdruck so hoch.

Alles, was künftigen Ärzten mehr Praxiserleben bringe, sei absolut zu begrüßen, sagt Sigrid Harendza, Professorin für Innere Medizin und Ausbildungsforschung in der Uniklinik Hamburg-Eppendorf (UKE). „Kommunikation ist aber nur eine Facette des ärztlichen Handelns“, sagt sie. Weitere sind zum Beispiel: Entscheidungen treffen, priorisieren und mit Unsicherheiten umgehen. Harendza beschäftigt seit Jahren, wie Medizinstudenten die verschiedenen Facetten, die oft separat unterrichtet werden, zusammen lernen können. Das Ergebnis: Im Jahr 2019 startete sie ein Assessment-Center, wo Studenten im letzten Studienjahr einen Tag in einer Notaufnahme mit vier Schauspiel-Patienten und anschließendem Feedback erleben.

Training im Kittel, damit es sich möglichst echt anfühlt

Auch Harendza hat ihr Assessment-Center in der Krise auf Online umgestellt, aber das didaktische Prinzip ist genauso wie vorher. Normalerweise sprechen die Studenten mit den Schauspiel-Patienten im UKE, jetzt führen sie die Gespräche per Computer von zu Hause aus. Ihren Arztkittel müssen sie trotzdem anziehen – „damit sie sich möglichst echt in der Arztrolle fühlen“, sagt Harendza. Zehn Minuten haben die Studenten jeweils Zeit für ein Gespräch. Im Arztzimmer beziehungsweise in ihrem Studentenzimmer lesen sie die elektronischen Krankenakten ihrer vier Patienten, schreiben ihr Gespräch auf, ordnen Labortests, Röntgenbilder oder andere Untersuchungen an und überlegen sich einen Behandlungsplan. Sie müssen entscheiden, welcher Patient eine rasche Diagnostik benötigt und wen sie zuerst dem Oberarzt vorstellen, weil er am dringendsten eine Therapie braucht. „In unserem Training geht es um den ganzen Prozess, der sich an das Gespräch mit dem Patienten anknüpft und weitere ärztliche Facetten enthält“, sagt Harendza.

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