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Online-Lehre : Analog ist besser

Lehre auf Distanz: Prüfungen während des digitalen Sommersemesters Bild: dpa

Eine Studie der Universität Hildesheim wertet die Erfahrungen von Studenten im Digitalsemester aus. Das Fazit ist ernüchternd. Manchem graut es vor einem weiteren Online-Semester.

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          Der einfachste Weg, Mythen der Digitalisierung zu entzaubern, ist immer noch, sie wirklich werden zu lassen. Von der Piratenpartei beispielsweise, die mit einem digitalen Betriebssystem die Demokratie erst richtig demokratisch machen wollte, ist nur noch wenig zu hören. Dasselbe gilt für die Massive Open Online Courses (Moocs), die einmal als Revolution der akademischen Lehre gehandelt wurden und heute ein Schattendasein fristen. Nun durften die Studenten ausprobieren, wie es so ist, das Semester zu Hause vor dem Computer zu absolvieren. Die Experten, die immer schon mahnten, dass Deutschland den Anschluss an die digitale Lehre verpasst habe, und souverän die zahlreichen Studien ignorierten, die der digitalisierten Pädagogik ein durchwachsenes Zeugnis ausstellen, sahen ihre Stunde gekommen. Man forderte aber auch, die Erfahrungen der Studenten ernst zu nehmen.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Eine Studie der Universität Hildesheim hat sie jetzt erstmals umfassend ausgewertet. Das Ergebnis der Befragung von bundesweit 2350 Studenten ist ernüchternd. Knapp sechzig Prozent bewerten die Aussicht auf ein digitales Wintersemester (das mittlerweile beschlossen ist) negativ oder sehr negativ, nur 22 Prozent freuten sich darauf. Als Vorteil der Online-Lehre betrachtet man die größere Flexibilität und die geringeren Anfahrtszeiten. Das größte Problem sind wie zu erwarten die Einsamkeit vor dem Bildschirm, der fehlende Austausch mit Kommilitonen im Seminar, beim Kaffee oder in der Mensa (82,3 Prozent) und die nagenden Selbstzweifel, die daraus hervorgehen. Eine Studentin schreibt, dass ihr „ein weiteres Semester dieser Art so große Angst“ bereite, „da die Uni für mich sowohl eine Quelle von Selbstvertrauen, Geltung und einfach Glück und Freude war, was sich nun in Anstrengung und ein Durchhalten durch Selbstdisziplin transformiert hat“. Anscheinend muss man den Online-Enthusiasten und ihren wirtschaftlichen Förderern erst erklären, dass ein Studium keine Ausbildung zum Soziopathen ist. Probleme bereiten auch die fehlende Trennung von Wohnung und Studienort, die vielen Ablenkungen und der große Arbeitsaufwand für die Online-Seminare. Die Aussicht auf ein weiteres Digital-Semester macht manche „richtig unglücklich“.

          Das liegt nicht ganz auf der Linie des Resümees, das Dozenten der Literaturwissenschaft auf einer Tagung gezogen haben. Hier wurde vor allem mit der Idealisierung der Präsenzlehre aufgeräumt. In der Tat gibt es an Seminaren mit sechzig Teilnehmern wenig zu beschönigen. Und manchmal ist der zielgerichtete Online-Kontakt effizienter. Nur: Er verlangt Dozenten eine Dauerbeschäftigung ab, die sie langfristig gar nicht leisten können. Das Problem liegt an anderer Stelle: der Vermassung der Universitäten und dem schlechten Betreuungsschlüssel. Das lässt sich aber nicht mit digitalen Tools oder dem neuerdings beworbenen Mix aus On- und Offline-Lehre, sondern nur mit einer besseren Personalpolitik lösen.

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