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Afghanistans Universitäten : Die Zukunft liegt hinter Schleiern

Pro-Taliban-Protest an der Kabul Education University Bild: Picture Alliance

Der neue afghanische Bildungsminister führt eine strikte Geschlechtertrennung an Hochschulen ein. Können sich die Frauen auf seine Zusagen verlassen?

          2 Min.

          Seine Ansichten über akademische Bildung hat Abdul Baqi Haqqani vergangene Woche auf einer Pressekonferenz kundgetan: Doktor- und Mastertitel seien nichts wert, sagte er da, die Größten von allen, die Führer der Taliban, hätten schließlich überhaupt nicht studiert, ja oft nicht einmal einen sekundären Schulabschluss. Die Quelle ihrer geistigen Grö­ße ist für den neuen afghanischen Bildungsminister die Kenntnis des Ko­rans. Auf der Konferenz stellte Haqqani ein ausführliches Regelwerk vor, das auch die Frage beantwortet, ob Frauen unter der neuen Regierung überhaupt noch studieren dürfen. Das dürfen sie vorerst, aber die Regeln, denen sie unterworfen sind, enttäuschen die ohnehin nur schwachen Hoffnungen, die neuen Taliban wür­den sich wesentlich von ihren Vorgängern unterscheiden, die zwischen 1996 und 2001 Frauen aus den Schulen und Universitäten verbannt hatten.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Nach der Taliban-Herrschaft erlebte das Bildungswesen mit westlicher Unterstützung seine Blütezeit, immer mehr Hochschulen wuchsen aus dem Boden, der Frauenanteil stieg auf zwanzig Prozent. Die neuen Vorschriften drehen die Zeit nicht völlig zurück, verlangen von Frauen aber, den Niqab zu tragen, der das Gesicht bis auf eine schmale Augenpartie verdeckt. In den Seminaren sollen die Geschlechter getrennt unterrichtet werden. Um zufällige Begegnungen zu vermeiden, sind die Unterrichtsstunden um fünf Minuten zeitversetzt. Außerdem sollen spezielle Warteräume für Frauen eingerichtet werden. Die Frau gilt den Taliban weiter als sündhaftes Wesen, das vor der Öffentlichkeit versteckt werden muss. Entsprechend gering dürfte ihr Aktionsradius an den Universitäten sein.

          Pro-Taliban-Aufmarsch

          Eine weitere Vorschrift legt fest, dass Frauen nur von Frauen unterrichtet werden, und wo dies nicht möglich sei, von „älteren Professoren mit gutem Charakter“. Hier liegt eine Sollbruchstelle der neuen Verordnung: Es ist allgemein be­kannt, dass es in Afghanistan viel zu wenig weibliche Lehrkräfte gibt. Die Taliban können dies zum Vorwand nehmen, um Studentinnen ganz nach Hause zu schicken, sobald die internationale Beobachtung nachlässt.

          Kambiz Ghawami vom World University Service hält die Studiererlaubnis für Frauen für eine Schaufensteraktion. Sie diene der Beruhigung der internationalen Gemeinschaft, von der man sich fi­nanzielle Hilfe erhofft, sagt er der F.A.Z. Die ersten privaten Universitäten haben nach dem neuen Reglement wieder geöffnet, um ihre Lizenzen nicht zu verlieren oder Klagen auf Schadenersatz zu vermeiden. An staatlichen Hochschulen, wo schon seit Monaten keine Gehälter mehr bezahlt würden, liegt der Betrieb weiter brach. Sollte er wieder anlaufen, werde es dort, so Ghawami, kei­ne Geisteswissenschaften, sondern nur noch Ingenieurwissenschaften und Koran-Studien geben. Haqqani hat angekündigt, jedes Fach, das der Scharia widerspricht, zu streichen. Christian Hülshörster vom DAAD hält auch ein Hochschulsystem nach dem Vorbild Saudi-Arabiens, wo bis zu den Reformen des Kronprinzen in jüngster Zeit eine strikte Geschlechtertrennung im Bildungsbereich herrschte, in Afghanistan für vorstellbar.

          An der Shaheed Rabbani Education University in Kabul kam es Samstag zu einem Aufmarsch von Frauen, die für die Taliban-Regeln demonstrierten. Ob sie das aus freien Stücken taten, blieb unklar. Sie trugen bodenlange schwarze Gewänder und Wimpel der Taliban in der Hand. Nur bei wenigen gab der Kopfschleier die Augen frei. In der gesichtslosen schwarzen Masse wirkten sie seltsam verloren.

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