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Afghanische Hochschulen : Zurück auf null?

Eingangsbereich der Universität von Herat. Ein Bild aus dem September 2020. Bild: Laif

Die afghanischen Universitäten verdanken der westlichen Intervention ihre Blütezeit. Nach der Machtübernahme der Taliban sehen sie einer dunklen Zukunft entgegen.

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          Viele müssen jetzt erleben, wie ihnen alles zwischen den Händen zerrinnt. Die britische Zeitung „The Guardian“ berichtet von einer Studentin der American University of Kabul, die ihre Diplome verbrannt hat. Wären sie bei ihr entdeckt worden, hätte sie das wohl mit ihrem Leben bezahlen müssen. Die Universität hat Medienberichten zufolge ihre Server verbrannt, man wolle keine ehemaligen Helfer belasten. Die Mitarbeiter befinden sich auf der Flucht in einer Sicherheitszone.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Den afghanischen Hochschulen steht eine neue Eiszeit bevor. Der Betrieb werde zwar weiterlaufen, vermutet der Geografieprofessor Andreas Dittmann, der seit zwanzig Jahren den Aufbau der afghanischen Hochschulen begleitet hat. Doch er könne sich nur schwer gegen das Gefühl wehren, dass alles, was man seither geleistet habe, umsonst gewesen sei. Dittmann, der auch Präsident der Deutsch-Afghanischen Universitäts-Gesellschaft ist, erinnert sich an das, was man vor zwanzig Jahren vorfand: Lehrpläne, die Inhalte aus der sowjetischen Herrschaftsphase mit stundenlangen Gebetsübungen kombinierten.

          Die Projektgruppe, die er im Rahmen eines DAAD-Programms betreute, war stolz, den ersten Geografie-Lehrplan der Nach-Talibanzeit präsentieren zu können. Deutschland hatte an der Universität Kabul, der angesehensten Hochschule des Landes, die Zuständigkeit für Geowissenschaften, Informatik, Medizin und Deutsch als Fremdsprache übernommen. Es wurden Studiengänge und Dozenten ausgebildet, die den afghanischen Hochschulbetrieb den internationalen Anschluss bringen sollten. Der Anteil der Studentinnen wuchs von null auf mehr als zwanzig Prozent.

          Niemand glaubt den Taliban

          Die Warnzeichen waren auch im Bildungssektor erkennbar. Nach dem Anschlag auf die deutsche Botschaft von 2017 gab der DAAD sein Büro in Kabul auf, das meiste wurde nun digital weitergeführt. Der Aufbau des Hochschulsystems sei immer wieder von politischen Rückschlägen aufgehalten worden, sagt der Germanistikprofessor Hermann Funk, der von der Universität Jena aus die Abteilung für Deutsch als Fremdsprache an der Universität Kabul einrichtete. Fünfzehn afghanische Studentinnen seien in Jena zum Master geführt worden, ein Viertel davon nach Afghanistan zurückgegangen, um das Land aufzubauen. Es sei eine überwältigende Erfahrung gewesen, zu sehen, wie befreit sich die jungen Frauen gefühlt hätten, die damals – in Jeans, ohne Burka – nach Jena gekommen seien.

          Funk ist es gelungen, eine seiner Doktorandinnen aus Kabul zu evakuieren, die übrigen fünf Mitarbeiter der Abteilung, darunter zwei Frauen, seien noch vor Ort und sähen einer ungewissen Zukunft entgegen. Niemand von ihnen glaube, dass Frauen weiter an Universitäten lehren und studieren dürfen, wie die Taliban in ihrer ersten Pressekonferenz ankündigten, während zugleich Frauengesichter auf Plakaten überklebt und Jagden auf Journalisten veranstaltet werden. Ob die mit westlicher Hilfe ausgebildeten männlichen Dozenten weiter unterrichten (und leben) dürfen, hänge davon ab, ob man sie als Kollaborateure betrachtet, und davon, welche Fraktion sich unter den Taliban durchsetzt. Viele Universitäten sind derzeit geschlossen oder laufen in eingeschränktem Betrieb. Viele Studenten und Wissenschaftler halten sich versteckt.

          Die afghanischen Hochschulen haben der westlichen Intervention ihre Blütezeit zu verdanken. Angesichts der durchschnittlichen staatlichen Investition von sechzig Dollar pro Jahr und Student werden sie den heutigen Standard allein nicht halten können, ganz abgesehen davon, dass die Taliban daran nicht interessiert sein dürften. Viele aus dem Ausland finanzierte Bereiche werden wohl geschlossen werden.

          Der DAAD, der 230 Projekte mit insgesamt fünfzig Millionen Euro gefördert hat, will die Fortsetzung seiner Förderung von der politischen Entwicklung abhängig machen. „Unser grundsätzliches Bekenntnis gilt: Wir stehen den Menschen in Afghanistan zur Seite. Aber die Wirksamkeit der Maßnahmen muss gewährleistet sein“, sagt DAAD-Generalsekretär Kai Sicks. Die Förderstrukturen in Deutschland sind nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre solide. Der DAAD hat für geflüchtete Studenten und Doktoranden das neue Hilde Domin-Programm aufgelegt, die Alexandervon-Humboldt-Stiftung fördert Exil-Wissenschaftler innerhalb der Philipp Schwartz-Initiative. Beide Programme haben noch offene Kapazitäten. Wie vielen die Flucht gelingt, vermag im Moment niemand einzuschätzen.

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