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Hochschulfinanzierung : Gesucht: Die befristete Dauerlösung

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Bundeswissenschaftsministerin Anja Karliczek (links) und die Vorsitzende der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz, Eva Quante-Brandt, bei der Präsentation des neuen Hochschulpaktes Bild: dpa

Hochschulpakt und Exzellenzstrategie verlängern eine Lebenslüge: Einerseits werden immer mehr Wissenschaftler ins System gepumpt. Andererseits sollen sie dort nicht bleiben.

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          Der Anfang Mai erneuerte Hochschulpakt zwischen Bund und Ländern verschreibt sich dem Ziel, den Ausbau unbefristeter Beschäftigungsverhältnisse des Lehrpersonals an Universitäten voranzutreiben. Er will auf diese Weise die Qualität der Lehre stärken und zugleich den Angehörigen des noch immer so genannten „Mittelbaus“ eine klarere Berufsperspektive verschaffen.

          Damit liegt die als „Zukunftsvertrag“ ausgeflaggte Vereinbarung auf derselben Linie wie das 2016 verabschiedete Wissenschaftszeitvertragsgesetz, das die Möglichkeiten einschränkt, Wissenschaftler befristet anzustellen. Über eine Frist von in der Regel sechs Jahren nach der Promotion hinaus soll dies nur noch unter Angabe spezifischer Sachgründe möglich sein, um einer missbräuchlichen, im Grenzfall ausbeuterischen Aneinanderreihung von kurzzeitigen Anstellungen entgegenzuwirken. Liegt kein hinreichender Sachgrund vor, können sich die Betroffenen auf eine Dauerstelle einklagen.

          Dazu ist es in jüngster Zeit, vor allem nach dem Auslaufen der durch die bisherige Exzellenzinitiative finanzierten Projekte, häufiger gekommen – mit der Folge, dass Hochschulverwaltungen Einstellungsanträge zunehmend restriktiv handhaben. Die strittige Frage ist dann, was überhaupt noch als Befristungsgrund durchgehen kann. Zwar sind die genauen juristischen Konsequenzen des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes bisher nicht abzusehen, da zu keiner der anhängigen Klagen bisher ein bundesgerichtliches Urteil ergangen ist. Man bewege sich hier in einer Grauzone, ist aus den Personalabteilungen zu hören. Allerdings machen Gerüchte die Runde, dass die Arbeitsgerichte verstärkt dazu neigen, Mehrfachanstellungen grundsätzlich als unrechtmäßige Kettenverträge einzustufen.

          Mitbedingt durch solche juristischen Unsicherheiten, die sich auf dem Instanzenweg bis hinab zur Ebene der einzelnen Institute noch potenzieren, zeichnet sich auch an den Universitäten ein Einstellungswandel ab. Wer einen Wissenschaftler jenseits der vom Gesetz festgelegten Qualifikationsphase befristet einstellen will, muss sich inzwischen fragen lassen, welche Lebenszeitperspektive sich für die betreffende Person denn daraus ergebe. So kommt im Gewand der Fürsorge ein paternalistisches Element in die juristische Einschätzung des jeweiligen Falles hinein, das dort eigentlich nichts verloren haben sollte. Denn wer ist befugt, derartige Prognosen abzugeben? Und wie realistisch ist es überhaupt, die Lebenszeitstelle als Richtmaß für Personalentscheidungen anzusehen?

          Die Lebenslüge der Hochschulfinanzierung

          An der Forderung nach mehr unbefristeten Stellen im akademischen Mittelbau sind zwei Dinge bemerkenswert. Erstens bringt sie die Debatte in einem großen Bogen wieder dorthin zurück, wo sie vor drei Jahrzehnten begann. Damals wurde die unbewegliche Personalstruktur deutscher Universitäten als einer der Hauptgründe für ihre mangelnde Dynamik ausgemacht; vor allem die Gruppe still ergrauender akademischer Räte kam in die Schusslinie.

          Zweitens wird die Forderung nach Dauerstellen auch durch den neuen Hochschulpakt nur in ungenügender Weise mit zusätzlichen Finanzmitteln unterlegt. Ihre Auswirkungen sind deshalb in erster Linie prohibitiv: Neben verschärfte Anstellungskriterien tritt ein erhöhtes Begründungsrisiko bei Befristungen. Selbst wenn jedoch genügend Geld zur Verfügung stünde, um heutige Bewerber in Dauerstellen oder Tenure-Track-Positionen zu bringen, ginge die Rechnung nicht auf. Das Problem würde nur scheinbar gelöst: auf Kosten der nachfolgenden Alterskohorte. Für die Mehrzahl der nachrückenden Wissenschaftler gäbe es dann weder eine befristete noch eine dauerhafte Perspektive.

          Die Paradoxie der befristeten Verbeamtung

          Hier kommt etwas zum Vorschein, was man als Lebenslüge der deutschen Hochschulfinanzierung bezeichnen kann, und die dazu führt, dass sich auch noch erfahrene Forscher, die nicht zu einer Professur gelangt sind, als „Nachwuchs“ bezeichnen lassen müssen. (Das englische Äquivalent early career researchers macht es nicht viel besser.) Inzwischen besteht ein beträchtlicher Teil der Hochschuletats aus Projektmitteln, die ihrer Natur nach temporär sind. Drittmittelquoten von dreißig, manchmal fünfzig Prozent der Grundmittel werden stolz als Leistungsnachweis präsentiert. Auch die Mittel der aktuellen Exzellenzstrategie sind befristet: vorerst auf sieben Jahre, in jedem Fall also länger, als ein in diesem Rahmen tätiger Wissenschaftler nach der geltenden Regelung angestellt werden dürfte. Dem Zuwachs solcher nur für begrenzte Zeiträume ausgeschütteter Mittel steht die geschrumpfte Grundfinanzierung der Universitäten gegenüber. Doch nur aus dieser letzteren lassen sich Planstellen schaffen.

          Die Logik der Exzellenz trifft hier auf die Logik der Verbeamtung. Paradoxerweise werden derzeit beide gleichzeitig vorangetrieben, obwohl sie miteinander unvereinbare Strukturen erzeugen. Zumindest gilt das für den Bereich der Forschung. Wer erfolgreich Projektmittel einwerben will, ist gehalten, ein unkonventionelles Forschungsprogramm zu umreißen, das quer zu disziplinären Gepflogenheiten und herkömmlichen Fachtraditionen steht. Er oder sie soll beweisen, etwas ganz Neues anzufangen, und das ist schwerlich allein mit dem festen Personalstamm vor Ort zu tun. Stattdessen wird man nach Forschern mit einschlägiger Expertise Ausschau halten, von wo auch immer sie kommen. Und dies unabhängig davon, welche Verträge sie vorher hatten und wie alt sie sind!

          Häufig gehen gerade aus diesem überaus engagierten Milieu die wichtigsten Anstöße hervor. Dauerstellen im Mittelbau werden dagegen gern an Kandidaten vergeben, die sich besonders für die solide Grundausbildung in den jeweiligen Fächern empfehlen. Die Stelleninhaber sind dann aber nicht leicht für temporäre Forschungseinsätze zu spezifischen Themen zu gewinnen, für die zudem am einzelnen Standort die kritische Masse oft nicht gegeben ist. Kurz, Projektforschung, zumal im Zeichen der Exzellenz, lebt genau von dem fluiden Personal auch über die Postdoc-Jahre hinaus, dessen Fortexistenz dienstrechtlich unmöglich gemacht werden soll.

          Versperrte Karrierewege

          Bei der Einführung des derzeitigen Dienstrechtsreglements war der beherrschende Gesichtspunkt, der Prekarisierung des akademischen Nachwuchses entgegenzuwirken. In der Tat ist die lange Phase der Unsicherheit, die universitäre Berufswege in Deutschland kennzeichnet, ein riesiges, in vielen Fällen existentielles Problem. Aber weder volkswirtschaftlich noch wissenschaftlich noch menschlich kann die Lösung darin bestehen, hochqualifizierten Forschern, die sich für ihre Sache begeistern und wissen, worauf sie sich einlassen, ab einer bestimmten Frist quasi ein Berufsverbot zu erteilen.

          Die Befürworter der aktuellen gesetzlichen Regelung haben offenbar darauf gehofft, eine höhere Zahl von dauerhaften Anstellungen erzwingen zu können. Dazu ist es nicht gekommen. Prekäre Arbeitsbedingungen aber schafft man nicht dadurch ab, dass man die Betroffenen in die Arbeitslosigkeit schickt. Es ist an der Zeit, anzuerkennen, dass ein Großteil der universitären Forschung in Projektkarrieren stattfindet. Die einzig sinnvolle Konsequenz bestünde darin, diese Karrieren, die niemals alle in ein System von beamteten Positionen überführbar sein werden, nicht auch noch juristischen Hemmnissen auszusetzen, sondern mit anderen Mitteln institutionell und materiell zu stabilisieren.

          Der Autor ist Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz.

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