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Hochschulfinanzierung : Gesucht: Die befristete Dauerlösung

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Die Paradoxie der befristeten Verbeamtung

Hier kommt etwas zum Vorschein, was man als Lebenslüge der deutschen Hochschulfinanzierung bezeichnen kann, und die dazu führt, dass sich auch noch erfahrene Forscher, die nicht zu einer Professur gelangt sind, als „Nachwuchs“ bezeichnen lassen müssen. (Das englische Äquivalent early career researchers macht es nicht viel besser.) Inzwischen besteht ein beträchtlicher Teil der Hochschuletats aus Projektmitteln, die ihrer Natur nach temporär sind. Drittmittelquoten von dreißig, manchmal fünfzig Prozent der Grundmittel werden stolz als Leistungsnachweis präsentiert. Auch die Mittel der aktuellen Exzellenzstrategie sind befristet: vorerst auf sieben Jahre, in jedem Fall also länger, als ein in diesem Rahmen tätiger Wissenschaftler nach der geltenden Regelung angestellt werden dürfte. Dem Zuwachs solcher nur für begrenzte Zeiträume ausgeschütteter Mittel steht die geschrumpfte Grundfinanzierung der Universitäten gegenüber. Doch nur aus dieser letzteren lassen sich Planstellen schaffen.

Die Logik der Exzellenz trifft hier auf die Logik der Verbeamtung. Paradoxerweise werden derzeit beide gleichzeitig vorangetrieben, obwohl sie miteinander unvereinbare Strukturen erzeugen. Zumindest gilt das für den Bereich der Forschung. Wer erfolgreich Projektmittel einwerben will, ist gehalten, ein unkonventionelles Forschungsprogramm zu umreißen, das quer zu disziplinären Gepflogenheiten und herkömmlichen Fachtraditionen steht. Er oder sie soll beweisen, etwas ganz Neues anzufangen, und das ist schwerlich allein mit dem festen Personalstamm vor Ort zu tun. Stattdessen wird man nach Forschern mit einschlägiger Expertise Ausschau halten, von wo auch immer sie kommen. Und dies unabhängig davon, welche Verträge sie vorher hatten und wie alt sie sind!

Häufig gehen gerade aus diesem überaus engagierten Milieu die wichtigsten Anstöße hervor. Dauerstellen im Mittelbau werden dagegen gern an Kandidaten vergeben, die sich besonders für die solide Grundausbildung in den jeweiligen Fächern empfehlen. Die Stelleninhaber sind dann aber nicht leicht für temporäre Forschungseinsätze zu spezifischen Themen zu gewinnen, für die zudem am einzelnen Standort die kritische Masse oft nicht gegeben ist. Kurz, Projektforschung, zumal im Zeichen der Exzellenz, lebt genau von dem fluiden Personal auch über die Postdoc-Jahre hinaus, dessen Fortexistenz dienstrechtlich unmöglich gemacht werden soll.

Versperrte Karrierewege

Bei der Einführung des derzeitigen Dienstrechtsreglements war der beherrschende Gesichtspunkt, der Prekarisierung des akademischen Nachwuchses entgegenzuwirken. In der Tat ist die lange Phase der Unsicherheit, die universitäre Berufswege in Deutschland kennzeichnet, ein riesiges, in vielen Fällen existentielles Problem. Aber weder volkswirtschaftlich noch wissenschaftlich noch menschlich kann die Lösung darin bestehen, hochqualifizierten Forschern, die sich für ihre Sache begeistern und wissen, worauf sie sich einlassen, ab einer bestimmten Frist quasi ein Berufsverbot zu erteilen.

Die Befürworter der aktuellen gesetzlichen Regelung haben offenbar darauf gehofft, eine höhere Zahl von dauerhaften Anstellungen erzwingen zu können. Dazu ist es nicht gekommen. Prekäre Arbeitsbedingungen aber schafft man nicht dadurch ab, dass man die Betroffenen in die Arbeitslosigkeit schickt. Es ist an der Zeit, anzuerkennen, dass ein Großteil der universitären Forschung in Projektkarrieren stattfindet. Die einzig sinnvolle Konsequenz bestünde darin, diese Karrieren, die niemals alle in ein System von beamteten Positionen überführbar sein werden, nicht auch noch juristischen Hemmnissen auszusetzen, sondern mit anderen Mitteln institutionell und materiell zu stabilisieren.

Der Autor ist Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz.

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