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Hochschulleitbilder : Seifenblasen für die Lehre

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Die bisher von Hochschulen in Leitbildern und Visionen entwickelte Zielkultur strotzten konsequenterweise von schönfärberischen Worten, diskursiven Klingeltönen und pädagogischen Überredungsbegriffen. Wilde Wertelisten prägen die Leitbilder. Gefordert wird bei der Gestaltung der Lehre, die verschiedenen Ebenen der Hochschule „klug zu vernetzen“, sodass gleichzeitig Legitimation durch eine breite „Beteiligung ermöglicht“ wird, „Verständigung zwischen den Fächern und Statusgruppen“ hergestellt wird und „zügige Entscheidungen“ getroffen werden können. Dass sich die Ansprüche an Legitimation, Verständigung und Schnelligkeit tendenziell widersprechen, wird durch die weitgehend unkontrollierte Aneinanderreihung von Werten sprachlich zugedeckt.

Als Modell zur Implementierung einer Lehr- und Lernkultur dient in der Regel ein Kaskadenmodell. Als Erstes sollen Hochschulen zentrale Leitbilder für die Lehre erstellen. Diese Leitbilder sollten dann mit einem Qualitätsentwicklungssystem für Lehre und mit dem Prüfungssystem verbunden werden. Dann sollen diese zentralen Leitbilder in Fakultäten und Fachbereichen auf studiengangspezifische Lehrziele und Kompetenzprofile heruntergebrochen werden, wobei darauf zu achten ist, dass die Lehrziele für jeden Studiengang klar und differenziert beschrieben werden. Im nächsten Schritt soll das Leitbild für Lehren und Lernen dann für die Module einzelner Studiengänge operationalisiert werden, wobei genau spezifiziert werden soll, welche Lernziele – neumodisch „learning outcomes“ genannt – die verschiedenen Vorlesungen, Übungen und Module anleiten sollten.

Oberflächlicher Konsens, geringe Beteiligung

Die zentrale Funktion solcher Leitbilder für Lehr- und Lernkulturen besteht in der Produktion eines Konsenses über Lehre. Welche Dozenten würden es wagen, sich gegen diesen Trend zur Studentenzentrierung in den Leitbildern zu stellen und sich dazu zu bekennen, dass sie selbst im Zentrum ihrer Lehre stehen und ihre Studenten in ihrem Lehrkonzept lediglich eine passive Rolle haben sollten? Welche Dozenten würden gegen den Trend zur Kompetenzorientierung für eine Inkompetenzorientierung in der Lehre plädieren?

Aber der in einem Leitbildprozess produzierte Konsens über Lehre und Lernen bleibt notgedrungen oberflächlich. Die Formulierungen werden so abstrakt gewählt, dass alle Betroffenen problemlos zustimmen können und man kaum unterscheiden kann, von welcher Hochschule welches wohlklingende Lehr- und Lernleitbild stammt. Weil alle Beteiligten wissen, woraus solche Leitbilder bestehen, ist die Begeisterung für die Beteiligung an dem Erstellungsprozess gering. Die Koordinatoren stellen fest, dass sich zwar Partizipation am Leitbildprozess anbietet, aber die Bereitschaft zur Partizipation gering ist.

Das ist an sich nicht problematisch. Leitbilder zum Lehren und Lernen gehören inzwischen genauso zur Schauseite einer jeden Hochschule wie ein repräsentativer Eingangstrakt. Das Problem ist, dass die zur Veränderung der Lehr- und Lernkultur produzieren Leitbilder häufig genau das Gegenteil von dem produzieren, was sie eigentlich offiziell bezwecken sollen. Wenn die Hochschuldozenten die Leitbilder dann überhaupt zur Kenntnis nehmen, reagieren sie mit einem gesteigerten Zynismus auf die Diskrepanz zwischen den wohlfeilen Wertelisten und der alltäglich wahrgenommenen Lehrrealität.

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