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Begabtenförderung : Das übernormale Kind

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William Stern, der Begründer des Intelligenzquotienten, wurde vor 150 Jahren geboren. Bild: Getty

Es gibt sie, die hochbegabten und besonders leistungsstarken Schüler und Studierenden. Doch an den Vorurteilen über die Begabungsförderung hat sich seit mehr als hundert Jahren wenig geändert.

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          Nicht wenige halten Begabtenförderung bis heute für undemokratisch. Was das hochbegabte Kind ist und was es benötigt, klärte der deutsche Psychologe, Bildungs- und Begabungsforscher William Stern 1910 in seinem Aufsatz „Das übernormale Kind“. „Übernormal“ meinte hier nicht anormal, sondern im kognitiven Leistungsvermögen über der mittleren altersgemäßen Norm liegend. Schon im Zusammenhang des Kinder-Tagebuchprojekts kam Stern zu dem Schluss, dass die Individualität und kindliche Begabungen Richtschnur aller Erziehung zu sein hätten. Dies stellte die Schule der Kaiserzeit nicht mal für „normale“, keinesfalls für hochbegabte Schüler.

          Stern (1871 bis 1938) klärte weiter, was noch heute oft erklärt werden muss: Die Förderung Hochbegabter sei eben keine „Luxussache“, sondern selbstverständliche Aufgabe von Schule. Dass Begabte sich selbst durchsetzen, keiner Förderung bedürften, ist bestenfalls statistisch richtig, individuell aber falsch. Im „Massenbetrieb der Schule“ werden Hochbegabte und ihre Bedürfnisse leicht übersehen, was bei diesen „zu Trägheit, Laxheit und Schulekel“ führen könne, so heißt es dort. Bestenfalls würden in der Schule einseitig spezifische Begabungsdomänen gefördert, die Gesamtbildung dabei vernachlässigt. Zugleich kritisierte Stern überambitionierte Eltern sowie die öffentliche Zurschaustellung von „Wunderkindern“ und forderte den Schutz begabter Kinder ein.

          Modern gesprochen lautete Sterns Vorschlag: ein differenziertes, fähigkeitsgruppiertes Schulsystem mit Klassen und Unterrichtsmethoden, die Begabtenförderung als Persönlichkeitsförderung ermöglichen. „Durch ein ganz anderes Tempo im Vorwärtsschreiten, Erweiterung und Vertiefung der Bildungsstoffe, ... freie Wahl der Lehrgegenstände, könnte den großen Anlagen dieser Schüler die ihnen gebührende Entwicklungsmöglichkeit gegeben werden.“

          Sterns Argumente gelten noch heute

          Und die Pointe? Stern forderte Begabtenförderung „gleichmäßig für Volksschulen wie höhere Schulen“, also für alle Schulformen. Der Zeit geschuldet konnte er sich inklusive Ansätze noch nicht vorstellen. Mit Hochleistungsförderung um ihrer selbst willen hat seine Begründung der Förderung Begabter nichts zu tun. Eindrucksvoll ist zu lesen, wie Stern Begabtenförderung begründete, gegen ihre Kritiker verteidigte und sie zugleich in ihren Ausprägungen kritisierte. An den Vorurteilen und Argumenten gegen die Begabtenförderung hat sich bis heute wenig verändert. Man muss nur Stellungnahmen der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) hierzu lesen. Auch an den Auswüchsen der Gegenwart, den Tiger Moms oder TV-Spektakeln wie „Klein gegen Groß“ würde Stern wohl verzweifeln.

          William Sterns Vita war durch das hochbegabte Kind und die Begabungsforschung geprägt. Stern, aufgewachsen in einer Familie des jüdischen Bildungsbürgertums, studierte ab 1888 in Berlin Psychologie – eine junge Disziplin, die noch in der Philosophie verwurzelt war, sich jedoch schon für empirische Methoden interessierte. Sie beschäftigte die Frage, was Menschen eignet, Leistungen zu vollbringen, und wie man Begabungen diagnostizieren kann. Sterns Lehrer Hermann Ebbinghaus war ein bedeutender Intelligenz- und Gedächtnisforscher. Ihm war Stern an die Universität Breslau gefolgt. Seit 1897 wirkte Stern dort als Privatdozent; seit 1907 als Extraordinarius für Philosophie und Psychologie. Für Stern blieb diese doppelte Widmung immer Programm. Denn ohne Fundierung in einer Philosophie des „Kritischen Personalismus“, die den Menschen als denkendes, ebenso seine Umwelt beeinflussendes wie von ihr beeinflusstes Subjekt sieht, ist Sterns Begabungskonzept nicht zu verstehen, wie die beste Kennerin von Werk und Wirkung Sterns, Rebecca Heinemann, unterstreicht.

          Die Geburtsstunde des IQs

          Sterns Breslauer Institut wurde zu einem Zentrum der Kindheits-, Bildungs- und Begabungsforschung. Auch Stern fragte, was die Psychologie zu Schule, Arbeitsleben und Gesellschaft beitragen kann. Dabei ging er immer vom Kind und dessen eigenen Entwicklungsschritten aus – gerne auch in der Beobachtung der Entwicklung seiner eigenen Kinder im gemeinsam mit seiner Frau Clara unternommenen Tagebuchprojekt. In der steten Auseinandersetzung mit der Entwicklung kindlicher Intelligenz fand er schließlich 1912 den Intelligenzquotienten (IQ). Er löste damit das seit 30 Jahren bestehende Problem der Testdiagnostik zur Verbindung von differierendem Lebens- und Intelligenzalter. Ungeachtet der Nutzung und Weiterentwicklung vieler Testverfahren durch Stern warnte er vor der „Verabsolutierung“ ihrer Ergebnisse und forderte deren Ergänzung durch weitere Methoden. In seinem die Teildisziplin bis heute begründenden Werk „Die differentielle Psychologie und ihre methodischen Grundlagen“ (1911) führte er dies aus.

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          1916 wechselte William Stern an das Hamburger Kolonialinstitut – Keimzelle der 1919 von ihm mitbegründeten Universität. Sein „Jugendkundeinstitut“ wurde zu einem internationalen Zentrum der Erforschung, Empfehlung und Entwicklung der Begabungsdiagnostik und Begabtenförderung, die er als Schlüssel zu einem modernen individualisierenden Bildungssystem verstand. Sterns Kritik an einer sozial undurchlässigen, Drill statt Persönlichkeitsbildung betreibenden Schule sowie an einer höheren Schulbildung, die privilegierten Ständen statt den Begabten offensteht, kann nun in der Weimarer Republik wirksam werden. Bereits 1916 beteiligte sich Stern mit einem Plädoyer an der Programmschrift „Der Aufstieg der Begabten“. Einerseits verweist er hier auf die „Normalverteilung“ der Begabung und mahnt, dass „experimentelle Prüfungen“ in den „unteren Schichten“ ergeben hätten, dass diese „den Kindern aus höheren Schichten ebenbürtig oder überlegen waren“. Und Stern folgerte: „Eben diese Kinder sind dazu berufen, den Aufstieg aus der unteren in die höhere Kulturschicht zu vollziehen, und hierzu muss ihnen pädagogisch jeder Weg gebahnt werden.“ „Dabei sind Begabungen immer nur die Möglichkeiten zu Leistung.“ Damit sich Begabungen in Leistungen entfalten, bedarf es des Interesses und der Motivation des Kindes. Weiter konstatierte er die Notwendigkeit der vorsorglichen Identifikation solcher Potentiale und einer Schule, die diese fördert. Bleibt Leistung aus, kann das viele Gründe haben – eine Hochbegabung schließt das keineswegs aus.

          Stern erhielt in Hamburg Gelegenheit, die Übergänge im Bildungssystem mit Eignungsverfahren zu organisieren. Der schon in Breslau geübte Anwendungsbezug führte zur flächendeckenden Einführung der heute existierenden Schulpsychologie und Reformierung der Lehrkräftebildung. Unter anderem Helmut und Loki Schmidt waren Produkte von Sterns Begabungsdiagnostik sowie von begabungssensiblen Lehrkräften – wie Sterns Biograph Martin Tschechne feststellt. Noch das gegenwärtige deutsche Bildungssystem hält jedoch bestimmte Gruppen weithin für ein Problem, unterstellt ihnen erst gar keine hohen Potentiale, geschweige denn macht sie sich dort auf die Suche nach Begabten.

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          Um 1930 war William Stern international ein hochgeachteter Wissenschaftler und Ratgeber, besuchte die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion. 1931 wurde er schließlich zum Präsidenten der „Deutschen Gesellschaft für Psychologie“ gewählt, die er 1904 mitbegründet hatte. Kurz darauf war alles vorbei: Nach der Machtergreifung 1933 wurde Stern unmittelbar aus der Universität Hamburg entfernt und sein Institut zerschlagen. Die Nazis bevorzugen Blut und Volksgemeinschaft, nicht Intellekt und Individuum. Stern ging in die Emigration, lehrte später an der Universität in Durham, North Carolina, wo das psychologische Institut nach ihm benannt wurde und wo er 1938 starb. In seiner Heimat finden sich dagegen nur wenige Spuren. Dabei gehörte William Stern in Hamburg, in der Psychologie, in Begabungsforschung und -förderung in den Walk of Fame.

          Ein makabrer Vergleich

          Am 5. August 1985 hatte der Hamburger Bildungssenator Joist Grolle die „Weltkonferenz über hochbegabte Kinder und Jugendliche“ eröffnet. Grolle malte mit grellen Farben. Gerade in Deutschland habe es eigentlich nie an der Förderung von Begabten gefehlt. Und wohin diese geführt habe, könne man sehen: „Das Dritte Reich tobte sich in Europa wie eine außer Kontrolle geratene Leistungsexplosion aus.“ Das Anliegen der Begabtenförderung war durch den bösen Vergleich diskreditiert. Joist Grolle sprach damals im Altbau der Hamburger Universität, in einem Hörsaal, den William Stern für seine Vorlesungen genutzt hatte. An William Stern, den Mitbegründer der Hamburger Universität, dachte Grolle dabei nicht.

          Die achtziger Jahre und Joist Grolle sind entschuldigt, waren doch die Begabtenförderung und ihre Wiederbelebung im Zusammenhang der geistig-moralischen Wende der Ära Kohl damals bildungspolitischer Kampfplatz. Heute ist die bestmögliche individuelle Förderung jedes Kindes auf der Grundlage der Begabung Teil der Bildungsgesetzgebungen aller Bundesländer. Solche Bildungssysteme sollten auch das hochbegabte Kind und hohe Intelligenz als selbstverständliches Persönlichkeitsmerkmal und Potential für dessen erfolgreiche Bildung einschließen. Bildungspolitiker, Bildungspraktiker und Bildungswissenschaftler – lest William Stern!

          Der Autor ist Bildungshistoriker und Vorstand der Karg-Stiftung.

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