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Begabtenförderung : Das übernormale Kind

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Stern erhielt in Hamburg Gelegenheit, die Übergänge im Bildungssystem mit Eignungsverfahren zu organisieren. Der schon in Breslau geübte Anwendungsbezug führte zur flächendeckenden Einführung der heute existierenden Schulpsychologie und Reformierung der Lehrkräftebildung. Unter anderem Helmut und Loki Schmidt waren Produkte von Sterns Begabungsdiagnostik sowie von begabungssensiblen Lehrkräften – wie Sterns Biograph Martin Tschechne feststellt. Noch das gegenwärtige deutsche Bildungssystem hält jedoch bestimmte Gruppen weithin für ein Problem, unterstellt ihnen erst gar keine hohen Potentiale, geschweige denn macht sie sich dort auf die Suche nach Begabten.

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Um 1930 war William Stern international ein hochgeachteter Wissenschaftler und Ratgeber, besuchte die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion. 1931 wurde er schließlich zum Präsidenten der „Deutschen Gesellschaft für Psychologie“ gewählt, die er 1904 mitbegründet hatte. Kurz darauf war alles vorbei: Nach der Machtergreifung 1933 wurde Stern unmittelbar aus der Universität Hamburg entfernt und sein Institut zerschlagen. Die Nazis bevorzugen Blut und Volksgemeinschaft, nicht Intellekt und Individuum. Stern ging in die Emigration, lehrte später an der Universität in Durham, North Carolina, wo das psychologische Institut nach ihm benannt wurde und wo er 1938 starb. In seiner Heimat finden sich dagegen nur wenige Spuren. Dabei gehörte William Stern in Hamburg, in der Psychologie, in Begabungsforschung und -förderung in den Walk of Fame.

Ein makabrer Vergleich

Am 5. August 1985 hatte der Hamburger Bildungssenator Joist Grolle die „Weltkonferenz über hochbegabte Kinder und Jugendliche“ eröffnet. Grolle malte mit grellen Farben. Gerade in Deutschland habe es eigentlich nie an der Förderung von Begabten gefehlt. Und wohin diese geführt habe, könne man sehen: „Das Dritte Reich tobte sich in Europa wie eine außer Kontrolle geratene Leistungsexplosion aus.“ Das Anliegen der Begabtenförderung war durch den bösen Vergleich diskreditiert. Joist Grolle sprach damals im Altbau der Hamburger Universität, in einem Hörsaal, den William Stern für seine Vorlesungen genutzt hatte. An William Stern, den Mitbegründer der Hamburger Universität, dachte Grolle dabei nicht.

Die achtziger Jahre und Joist Grolle sind entschuldigt, waren doch die Begabtenförderung und ihre Wiederbelebung im Zusammenhang der geistig-moralischen Wende der Ära Kohl damals bildungspolitischer Kampfplatz. Heute ist die bestmögliche individuelle Förderung jedes Kindes auf der Grundlage der Begabung Teil der Bildungsgesetzgebungen aller Bundesländer. Solche Bildungssysteme sollten auch das hochbegabte Kind und hohe Intelligenz als selbstverständliches Persönlichkeitsmerkmal und Potential für dessen erfolgreiche Bildung einschließen. Bildungspolitiker, Bildungspraktiker und Bildungswissenschaftler – lest William Stern!

Der Autor ist Bildungshistoriker und Vorstand der Karg-Stiftung.

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