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Begabtenförderung : Das übernormale Kind

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William Sterns Vita war durch das hochbegabte Kind und die Begabungsforschung geprägt. Stern, aufgewachsen in einer Familie des jüdischen Bildungsbürgertums, studierte ab 1888 in Berlin Psychologie – eine junge Disziplin, die noch in der Philosophie verwurzelt war, sich jedoch schon für empirische Methoden interessierte. Sie beschäftigte die Frage, was Menschen eignet, Leistungen zu vollbringen, und wie man Begabungen diagnostizieren kann. Sterns Lehrer Hermann Ebbinghaus war ein bedeutender Intelligenz- und Gedächtnisforscher. Ihm war Stern an die Universität Breslau gefolgt. Seit 1897 wirkte Stern dort als Privatdozent; seit 1907 als Extraordinarius für Philosophie und Psychologie. Für Stern blieb diese doppelte Widmung immer Programm. Denn ohne Fundierung in einer Philosophie des „Kritischen Personalismus“, die den Menschen als denkendes, ebenso seine Umwelt beeinflussendes wie von ihr beeinflusstes Subjekt sieht, ist Sterns Begabungskonzept nicht zu verstehen, wie die beste Kennerin von Werk und Wirkung Sterns, Rebecca Heinemann, unterstreicht.

Die Geburtsstunde des IQs

Sterns Breslauer Institut wurde zu einem Zentrum der Kindheits-, Bildungs- und Begabungsforschung. Auch Stern fragte, was die Psychologie zu Schule, Arbeitsleben und Gesellschaft beitragen kann. Dabei ging er immer vom Kind und dessen eigenen Entwicklungsschritten aus – gerne auch in der Beobachtung der Entwicklung seiner eigenen Kinder im gemeinsam mit seiner Frau Clara unternommenen Tagebuchprojekt. In der steten Auseinandersetzung mit der Entwicklung kindlicher Intelligenz fand er schließlich 1912 den Intelligenzquotienten (IQ). Er löste damit das seit 30 Jahren bestehende Problem der Testdiagnostik zur Verbindung von differierendem Lebens- und Intelligenzalter. Ungeachtet der Nutzung und Weiterentwicklung vieler Testverfahren durch Stern warnte er vor der „Verabsolutierung“ ihrer Ergebnisse und forderte deren Ergänzung durch weitere Methoden. In seinem die Teildisziplin bis heute begründenden Werk „Die differentielle Psychologie und ihre methodischen Grundlagen“ (1911) führte er dies aus.

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1916 wechselte William Stern an das Hamburger Kolonialinstitut – Keimzelle der 1919 von ihm mitbegründeten Universität. Sein „Jugendkundeinstitut“ wurde zu einem internationalen Zentrum der Erforschung, Empfehlung und Entwicklung der Begabungsdiagnostik und Begabtenförderung, die er als Schlüssel zu einem modernen individualisierenden Bildungssystem verstand. Sterns Kritik an einer sozial undurchlässigen, Drill statt Persönlichkeitsbildung betreibenden Schule sowie an einer höheren Schulbildung, die privilegierten Ständen statt den Begabten offensteht, kann nun in der Weimarer Republik wirksam werden. Bereits 1916 beteiligte sich Stern mit einem Plädoyer an der Programmschrift „Der Aufstieg der Begabten“. Einerseits verweist er hier auf die „Normalverteilung“ der Begabung und mahnt, dass „experimentelle Prüfungen“ in den „unteren Schichten“ ergeben hätten, dass diese „den Kindern aus höheren Schichten ebenbürtig oder überlegen waren“. Und Stern folgerte: „Eben diese Kinder sind dazu berufen, den Aufstieg aus der unteren in die höhere Kulturschicht zu vollziehen, und hierzu muss ihnen pädagogisch jeder Weg gebahnt werden.“ „Dabei sind Begabungen immer nur die Möglichkeiten zu Leistung.“ Damit sich Begabungen in Leistungen entfalten, bedarf es des Interesses und der Motivation des Kindes. Weiter konstatierte er die Notwendigkeit der vorsorglichen Identifikation solcher Potentiale und einer Schule, die diese fördert. Bleibt Leistung aus, kann das viele Gründe haben – eine Hochbegabung schließt das keineswegs aus.

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