https://www.faz.net/-gyl-9cm2l

Der Komponist und der Diktator : So hat Wagner Hitler beeinflusst

  • -Aktualisiert am

Heute eröffnen die Bayreuther Festspiele mit Yuval Sharons Neuinszenierung des „Lohengrin“. Barrie Kosky ließ Beckmesser in der Maske des Dirigenten Hermann Levi auftreten und den dritten Aufzug im Saal des Nürnberger Kriegsverbrechertribunals spielen. Johannes Martin Kränzle wird von Samstag an wieder den Beckmesser singen. Bild: Bayreuther Festspiele

Schon Thomas Mann hat angedeutet, dass der ganze Hitler im frühen Bewunderer Wagners steckt. Ein Germanist macht diese These nun plausibel. Wie sprang der Funke über?

          6 Min.

          „Die Historiker sind nicht wagnerfest und die Wagnerforscher nicht hitlerfest.“ Hans Rudolf Vaget formuliert ein Dilemma, das Forschung und Öffentlichkeit seit Jahrzehnten umtreibt. Wenn über Wagner und Hitler gesprochen wird, lamentieren entweder die Wagnerianer, dass den Meister doch keine Schuld daran treffe, dass ihn ein Diktator in spe zwanzig Jahre nach dem Tod zum Vorbild erklärt habe. Oder die Antiwagnerianer machen Wagner den Prozess wegen geistiger Vorbereitung des Holocaust. In den meisten Hitlerbiographien ist Wagners Rolle reduziert auf die Zelebrierung des deutschen Mythos (für Wagner selbst waren diese Stoffe eher symbolistische Folie denn Ausdruck germanischen Ahnenkults) und die Vorbildfunktion für rauschhafte Massenveranstaltungen. Joachim Fest spricht von einer Art Lehrer-Schüler-Verhältnis. Doch was soll damit gemeint sein?

          Vor gut einem Jahr veröffentlichte Vaget bei S. Fischer sein Buch „Wehvolles Erbe. Richard Wagner in Deutschland. Hitler, Knappertsbusch, Mann“ – ein epochales Werk. Was er zum Wagner-Hitler-Komplex zu bieten hat, ist Sprengstoff – und dies ist, so scheint es, seit Erscheinen des Buches noch nicht so richtig erkannt worden. Das andere große Ereignis des Wagner-Jahres 2017, Barrie Koskys Bayreuther Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“, weist verblüffende Parallelen in der Analyse auf, obwohl Kosky und Vaget von der Arbeit des jeweils anderen höchstwahrscheinlich nichts wussten.

          Die politisch-historische Bedeutung von Koskys „Meistersingern“ liegt im schonungslosen Zu-Ende-Denken der Problematik, ob in Wagners Figuren nun antisemitische Karikaturen verborgen sind oder nicht. Das Thema ist gewiss nicht neu: Es wird seit Jahrzehnten in Wissenschaft und Inszenierungen behandelt. Kosky allerdings war der Erste, der diese zentrale Frage auf die Bühne des Bayreuther Festspielhauses brachte. Er legt die Figur des Beckmesser als Verkörperung von Wagners Kritik des Judentums an und transformiert den Nürnberger Stadtschreiber äußerlich in Wagners „Parsifal“-Dirigenten Hermann Levi. Einerseits war Levi Wagners musikalischer Wunschkandidat, andererseits hatte er in Wahnfried zweifelsohne unter antisemitischen Gängelungen zu leiden. Diese Sichtweise nach Bayreuth gebracht zu haben ist ein Verdienst von historischem Rang.

          Warum zitierte Hitler nie Wagners antijüdische Tiraden?

          Auf andere Art unternimmt Vaget in seiner Wagner-Hitler-Analyse das Ungeheuerliche. Seine verstörende Großthese, die in ihren Ursprüngen auf Thomas Mann zurückgeht: Hitlers gesamtes künstlerisches und politisches Weltbild ist Wagners Werk entwachsen. Sich selbst sah Hitler zeitlebens als Künstler, im Privaten wie im Politischen, und Wagner wurde zur Leitfigur für Hitlers Gesamtlebenswerk – der Leitwolf für „Onkel Wolf“, wie der Bayreuth-Besucher Hitler von den Wagner-Enkeln Wieland und Wolfgang genannt wurde. Das heißt in aller Konsequenz, dass auch das politische Programm bis hin zu Lebensraumpolitik und Holocaust aus dem wagnerschen Geist entsprang. All dies möchte Vaget aber nicht im Sinne einer „Schuld“ Wagners verstehen, den vielen Schuldmotiven in Wagners Werk zum Trotz, sondern gemäß dem Rezeptionsbegriff von Hans Robert Jauß, der die irreführende Vorstellung des „Einflusses“ durch die Kategorie der „Rezeption“ ersetzte. Die Aneignung geschieht im Kopf des Betrachters, er selektiert, interpretiert neu, verfälscht, deutet um.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.