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Historiker im Beruf : Vom Geisteswissenschaftler-Getto in die Pharmabranche

Arbeitsfeld für Historiker: das Historische Museum in Frankfurt Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Historikern stehen viele Berufsfelder offen - von Wissenschaft bis Wirtschaft. Manche Historiker werden Unternehmensberater oder gründen ihre eigene Firma - andere verlieren sich in den Weiten ihrer Doktorarbeit.

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          Wenn Mediziner oder Wirtschaftswissenschaftler Klaus Hildebrand fragen, was seine Studenten mit ihrem Fach denn später einmal anfangen könnten, dann sagt der Bonner Historiker: „Man kann weit mehr werden als nur Doktor.“ Damit ihm das die jungen Wissenschaftler, die zur Zeit eine Dissertation an seinem Lehrstuhl schreiben, auch glauben, hat der Professor für Mittlere und Neuere Geschichte dreißig Doktoranden zu einer Tagung ans Historische Seminar der Rheinischen Wilhelms-Universität eingeladen.

          Florentine Fritzen
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Berufsbilder und Tätigkeitsfelder für Historiker“ heißt die Veranstaltung, und die Referenten, allesamt zwischen Mitte Dreißig und Mitte Vierzig, haben es in der Tat zu deutlich mehr gebracht als zu einem Doktortitel in Geschichte - und im übrigen können Historiker natürlich auch ohne Promotion eine Vielzahl von Berufen ergreifen, vom Geschichtslehrer bis zum Unternehmensberater.

          Ein Botschaftsrat ist unter den Vortragenden, ein Kommunikationsberater und der Cheflektor eines großen Verlagshauses. Ein weiterer Historiker ist an der Bundesagentur für Arbeit tätig, wieder ein anderer hat es seinem Doktorvater Hildebrand nachgetan und ist selbst Professor geworden. Die einzige Frau unter den Vortragenden arbeitet in der Presseabteilung eines Pharmaunternehmens.

          „Faktor Zeit“

          Solche leuchtenden Beispiele bekommt Miriam B. (Name geändert) zur Zeit nicht so gern aufgezählt. Die 32 Jahre alte Doktorandin aus Berlin arbeitet im fünften Jahr an ihrer Dissertation, die sie inzwischen selbstironisch als „historisch im doppelten Wortsinn“ bezeichnet. Das Stipendium eines Begabtenförderungswerks lief nach drei Jahren ab. Die Arbeit war noch nicht fertig. Nicht, weil die Doktorandin nicht gewissenhaft gearbeitet hätte, sondern im Gegenteil, weil sie nach eigener Ansicht „zu perfektionistisch“ ist und weil „zu viel Herzblut“ an ihrem Dissertationsthema hänge.

          Jetzt lebt Miriam B., die bisher alle Abschlüsse mit „sehr gut“ bestanden hat, vom Arbeitslosengeld II. Wenn sie daheim am Schreibtisch sitzt und ihre Gedanken mal wieder zu wandern beginnen, sorgt sich die Doktorandin um ihre berufliche Zukunft. Ein paar Praktika hat sie im Studium gemacht, beim Fernsehen und in einem Museum. „Aber jetzt habe ich einfach keine Zeit, noch mehr praktische Erfahrungen zu sammeln. Ich muß mich ganz auf meine Arbeit konzentrieren.“ Denn die Historikerin will nicht ausschließen, nach ihrer Promotion in der Wissenschaft zu bleiben - und dafür, meint sie, müsse „die Diss. eben richtig gut werden“.

          Andreas Rödder, der den Weg vom Geschichtsstudenten zum Professor aus eigener Erfahrung kennt, empfiehlt auf der Bonner Tagung hingegen, den „Faktor Zeit“ nicht aus den Augen zu verlieren. Er selbst sei mit 33 habilitiert und mit 36 Professor gewesen: „Da kann man sich zur Not noch besser umorientieren als mit 40“ - wenn es denn nicht klappen sollte mit einem Ruf.

          Psychische Stabilität

          Auch Detlef Felken, Cheflektor des Beck-Verlags, rät zur Effizienz: „Lieber ein Magna mit 30 als ein Summa mit 35.“ Die Bonner Doktoranden wissen, wovon er spricht: von der Höchstnote „summa cum laude“, „mit höchstem Lob“, und der zweitbesten Bewertung „magna cum laude“, „mit großem Lob“. Ohne Promotion kommen Absolventen bei Felkens Arbeitgeber allerdings auch nicht weit: Für Lektorenstellen, berichtet der Cheflektor, sei der Titel Bewerbungsvoraussetzung.

          Für ein historisches Lektorat bewerben sich beim Beck-Verlag in der Regel 300 bis 400 Absolventen. Das ist in vielen anderen Berufen, die zahlreiche Historiker anstreben, nicht viel anders: Werden etwa Referentenstellen in der Wissenschaftsförderung oder in Begabtenförderwerken ausgeschrieben, gehen oft mehr als hundert oder gar ein paar hundert Bewerbungen ein. „Man setzt sich dem übersättigten Markt existenziell aus“, sagt auch Rödder rückblickend über seine Zeit als Privatdozent auf der Suche nach einer Professur.

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