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Hightech auf Rollen : Wenn das Gepäckstück hinterherdackelt

  • -Aktualisiert am

Die Erfinder des smarten Koffers Bild: Oliver Dietze

Vier Studenten haben einen intelligenten Koffer erfunden. Klingt gut, hatte aber auch Kehrseiten.

          2 Min.

          Nächte mit Spielkarten und Rotwein in der Studentenküche waren gestern. In der Wohngemeinschaft des Bachelorstudenten Joshua Summa wurde in den vergangenen fünf Monaten ohne Pause an Sensoren, Steuerungselektronik und Finanzierungsplänen gearbeitet. Zusammen mit drei Kommilitonen aus den Fachrichtungen System Engineering und Informatik der Universität des Saarlandes kreierte Summa den sogenannten Smartcase. Ein neonroter Koffer, der seinem Besitzer auf Schritt und Tritt folgt. Heute noch ein Prototyp, könnte die Kombination von Technik und Gepäckstück künftig die Hände von so manchem Geschäftsreisenden für wichtigere Dinge als den Koffergriff frei machen. Auch für Rollstuhlfahrer hat der Koffer Potential.

          Als neue Anwendungsmöglichkeit der Mikrosystemtechnik schaffte es das rollende Stück Elektronik auf den zweiten Platz des Studierendenwettbewerbs Cosima in Berlin. Den ersten Platz teilten sich eine Gruppe aus Karlsruhe, die Darmerkrankten eine eigenständige Überwachung ihres Krankheitsverlaufs ermöglichen wollen, und Darmstädter Studenten, die unser aller Leben mit besonderen Tageslichtlampen verbessern wollen. Die Studierendengruppen stellten an selbst gebauten Messeständen ihre Prototypen aus.

          „Wir konnten hier zeigen, wie schon Studenten Sensortechnik anwenden können“, sagt Summa. Zusätzlich musste die Jury auch davon überzeugt werden, dass wirtschaftlich geplant und effektiv Werbung gemacht wurde. Als Ingenieur- und Informatikstudenten hatten die jungen Männer damit überhaupt keine Erfahrung. „Obwohl wir in unserem Studiengang ein Entwicklungsmethodik-Seminar belegt haben, lief gegen Ende nicht mehr viel nach dem ursprünglichen Plan“, sagt Summa. Er ist sich sicher, gerade durch die unternehmerischen Aspekte viel aus dem Projekt gelernt zu haben.

          Das Studium musste er vernachlässigen

          So sieht es auch Helmut Seidel, in dessen Vorlesung zu Mikromechanik die Nachwuchsingenieure erstmals von Cosima erfuhren. Als Mitbegründer des Wettbewerbs in Deutschland begleitet Seidel seit zehn Jahren Studenten auf ihrem Weg zur eigenen Erfindung. „Oft bekamen die Teams später Einladungen von Firmen, die an der entwickelten Mechanik interessiert sind. Die Teilnahme ist also auf jeden Fall ein Punkt für den Lebenslauf.“ Von Seidels Fachbereich bekamen die angehenden Entwickler die Möglichkeit, im Rahmen eines studieninternen Praktikums an dem Wettbewerb teilzunehmen und sich dieses für ihre Studienleistung anrechnen zu lassen. Räume, Werkzeug und gute Ratschläge gab’s noch obendrauf.

          Allerdings: Die Theorie der Technik in Vorlesungen und Seminaren verstand Summa durch seinen Exkurs in die Praxis nicht besser. „Wir konnten technisch nur anwenden, was wir auch schon wissen. Alles, was wir durch den Smartcase zusätzlich gelernt haben, ist mehr eine Ergänzung zum regulären Studium, aber keine Vertiefung“, sagt er. Im Gegenteil: Das Studium musste Summa teilweise sogar ein bisschen vernachlässigen. Während die Kommilitonen Karteikarten schrieben und ein letztes Mal vor der Klausur die Lehrbücher durchkämmten, arbeitete sein Entwicklerteam in Hochtouren an dem Koffer. „Das war eine sehr intensive Zeit, in der wir alle unsere persönlichen Stress-Grenzen kennenlernten.“

          Kennenlernen konnten die Bachelorstudenten auch die Arbeit als selbständige Ingenieure und Unternehmer. Der internationale Innovations-Wettbewerb iCan, zu dem die saarländischen Studenten zusammen mit ihrem Koffer nun auch noch ins chinesische Nanjing reisen werden, sieht genau hierin seine Hauptaufgabe. Denn der Entwickler- und Unternehmergeist junger Menschen sei Triebkraft einer digitalen Industrie 4.0. Manche Cosima-Preisträger haben nach dem Wettbewerb tatsächlich schon selbst Unternehmen gegründet. So stehen etwa die Erfinder der smarten Insektenstichbehandlung „Heat-it“ aus Karlsruhe, die 2017 die Jury für sich gewannen, heute als eingetragenes Unternehmen kurz vor der Zulassung ihres Produkts. Summa und seine Kommilitonen haben hingegen zum ersten Mal in die Welt der Unternehmer geschnuppert. Für sie hat jetzt erst mal der Bachelor Vorrang.

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