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Das richtige Hemd : Hemdenkunde für Einsteiger

  • -Aktualisiert am

Bild: iStock/Thinkstock

Es soll passen und professionell aussehen, doch wie findet man das richtige Businesshemd? Und was muss man über den Kragen und Manschettenknöpfe wissen?

          4 Min.

          Nahezu jeder deutsche Mann besitzt Hemden. Um genau zu sein, hängen im Schnitt 15,5 Stück im Schrank. Während Männer im Norden auf blaue Hemden stehen, darf es für Männer im Westen Deutschlands gern dezent gemustert sein. Im Osten bevorzugen die Herren aktuelle Modefarben, im Süden wollen sie sich nicht festlegen. Das sind die Ergebnisse einer Studie des auf Männermode spezialisierten Unternehmens Walbusch. Und: Jeder zweite der 1.000 befragten Männer gab an, sich mit Hemd immer gut angezogen zu fühlen.

          Doch wie findet man bei der Masse an Auswahl das richtige Businesshemd? Es muss schließlich nicht nur passen, sondern soll auch professionell aussehen. „Ich bin grundsätzlich der Auffassung, dass ein Hemd relativ dezent sein sollte“, rät der Hamburger Maßschneider Tom Reimer, der deutschlandweit als einer der besten Schneider gilt. „Heutzutage gibt es ja alle möglichen phantastischen Auswüchse, zum Beispiel andersfarbige Kragen, Stege oder Knöpfe. Das schießt komplett über das Ziel hinaus. Beim Hemd gilt:
          Weniger ist mehr.“

          Ein gutes Hemd muss mit dem Rest des Outfits harmonieren und natürlich auch zur Branche sowie dem Firmendresscode passen. Generell empfehlen sich zum Anzug vor allem einfarbige Hemden. Die Klassiker sind Weiß und Blau, aber auch Muster sind erlaubt: dezente Karos, Streifen oder falsche Unis, also extrem klein gemusterte Hemden. Wer hingegen mit Sakko und Hose statt mit Anzug zur Arbeit geht und keine Krawatte tragen muss, darf schon mal ein sportlicheres Hemd mit auffälligerem Muster wählen. Doch Vorsicht: „Großgemustert muss man können“, sagt Reimer. „Wer kein schlafwandlerisches Gespür für Mode hat, sollte lieber auf Unifarben setzen – sonst sieht man am Ende aus wie ein Zirkusdirektor.“ Zudem geben Muster dem Oberkörper stets mehr Volumen und passen deshalb nicht zu jeder Figur.

          Passende Maße an Kragen, Ärmel und Rücken

          Apropos Volumen: Auch die Größe des Hemdes muss natürlich stimmen. „Wenn wir einen Kunden beraten, messen wir als Erstes den Halsumfang“, sagt Nils Hinrichs, Einkäufer bei Deutschlands größtem Herrenausstatter Anson’s. „Ein Zentimeter Platz bei geschlossenem Kragen sorgt dafür, dass man angezogen aussieht, aber trotzdem noch genug Luft bekommt.“ Darüber
          hinaus gilt: Der Ärmel sollte bei angewinkeltem Arm bis zur Daumenwurzel reichen, die Manschette rund eineinhalb Zentimeter unter dem Sakko-Ärmel herausragen. Am Rücken muss das Hemd so lang sein, dass es auch beim Bücken nicht aus der Hose rutscht. Es darf nicht spannen, aber auch nicht unter dem Anzug hervorquellen.

          Weil jeder Körper anders ist, gibt es inzwischen vier unterschiedliche Passformen: Super Slim Fit, Slim Fit, Regular Fit und Comfort Fit. Super-Slim-Fit-Hemden haben einen besonders schmalen, körperbetonten Schnitt und werden von schlanken Menschen bevorzugt. Aufgrund des geringen Aufmaßes ist die Bewegungsfreiheit eingeschränkt. „Slim-Fit-Hemden haben einen schlanken Schnitt, sind dabei jedoch nicht eng. Der aktuelle Zeitgeist ist auf jeden Fall das Slim-Fit-Hemd“, weiß Nils Hinrichs. „Die meisten Kunden kommen damit super zurecht.“ Das Regular-Fit-Hemd hat die klassische Hemdenform. Es ist ein guter Allrounder, allerdings weniger modisch als der Slim Fit. Und das Comfort-Fit-Hemd ist besonders für etwas kräftigere Männer geeignet und sollte nicht von schlanken oder normal gebauten Personen getragen werden.

          Sind Farbe und Größe ausgewählt, gilt es noch die Qualität des Hemds zu prüfen. Auf Kunstfasern sollte man verzichten, sie sehen meistens billig aus. Seidenhemden wiederum gehören eher in die Freizeit und den Abend. Ein gutes Hemd ist in der Regel zu mindestens 80 Prozent aus Baumwolle. „Die Qualität sieht man einem Hemd relativ schnell an, auch intuitiv, wenn man davon keine Ahnung hat“, sagt Schneider Tom Reimer. „Wenn lose Fäden zu sehen sind oder zum Beispiel die Größe des Knopflochs nicht zu der des Knopfes passt, lässt man besser die Finger davon.“

          Auf drei Merkmale sollte man zudem besonders achten: Nähte, Knöpfe und die Rückenpasse. Je mehr Stiche eine Naht hat, desto haltbarer ist das Hemd. Bei hochwertigen Maßhemden etwa gilt die Faustregel: Acht Stiche pro Zentimeter sollten es sein. Knöpfe sind heutzutage meist aus Plastik, hochwertige Hemden allerdings besitzen Perlmuttknöpfe. Sie sehen nicht nur edler aus, sondern sind auch widerstandsfähiger. Und bei der Rückenpasse handelt es sich um den oberen Teil vom Hemdrücken. Da fast niemand exakt gleich hohe Schultern hat, hilft eine geteilte Naht, das Hemd an die Statur des Trägers anzupassen.

          Kragenstäbchen geben Halt

          Die Wahl von Kragen, Manschetten und Manschettenknöpfen derweil ist eine Typ- und Geschmacksfrage. Ein Klassiker ist mittlerweile der etwas weiter ausgestellte Haifischkragen. Doch auch mit dem Kentkragen, bei dem die Kragenenden dichter zusammenstehen und der sich deshalb selbst ohne Krawatte und aufgeknöpft gut tragen lässt, liegt man immer richtig. „Der Kragen muss zum Gesicht und Körper passen“, rät Tom Reimer. „Im Zweifel würde ich immer lieber einen guten Klassiker wählen als einen Kragen, der zu groß oder verspielt ist.“ Achten sollte man zudem auf die Kragenstäbchen. Sie geben dem Hemdkragen eine gewisse Steifheit und verhindern, dass die Spitzen hochstehen. Bei einem guten Hemd lassen sich diese vor dem Waschen herausnehmen und sind aus biegsamem Kunststoff.

          Die Qual der Wahl haben Hemdenträger auch bei der Manschette: Es gibt Manschetten mit eckigen Enden (seltener mit runden), einfache und Doppelmanschetten. Am populärsten ist die Sportmanschette, die mit einem gewöhnlichen Knopf geschlossen wird. Sie ist an jedem normalen Hemd zu finden und das Design für den Alltag. Für formelle oder festliche Anlässe macht jedoch die Doppelmanschette am meisten her. Sie wird einmal in Richtung Handgelenk umgeschlagen und dann mit einem Manschettenknopf geschlossen. „Manschettenknöpfe sind auf jeden Fall schön“, sagt Tom Reimer. Allerdings sei auch hier Zurückhaltung angesagt. „Man muss aufpassen, dass man nicht besser aussieht als der Chef. Und Themen- oder Micky-Maus-Knöpfe gehen sowieso gar nicht.“ Die beste Wahl seien dezente Manschettenknöpfe in Schwarz oder Silber.

          Marken- oder Maßhemden?

          Die Manschette selbst stammt übrigens noch aus der Zeit, als das Hemd etwas länger halten musste. Waren die Manschetten abgenutzt, konnte man sie bei einem Schneider auswechseln lassen, ohne gleich das ganze Hemd wegwerfen zu müssen. „Wer sparsam sein will, kann sich auch heute noch Ersatzmanschetten und -kragen bestellen“, verrät Reimer. Rund 80 Euro muss man laut Reimer für ein gutes Hemd auf den Tisch legen. Konfektionshemden der Eigenmarken bekommt man beim Herrenausstatter schon zwischen 30 und 50 Euro, Markenhemden liegen zwischen 50 und 100 Euro. Wer Wert auf Perlmuttknöpfe und eine Rückenpasse legt, landet eher bei 120 bis 200 Euro. Ab 200 Euro gibt es Maßhemden.

          Die Walbusch-Studie ergab auch: Die Hälfte aller Männer wählt Hemden ganz spontan aus, und 29 Prozent greifen bei einem günstigen Angebot zu. „Männer haben ein ganz anderes Konsumverhalten als Frauen“, bestätigt Reimer. „Die meisten wollen den Hemdenkauf schnell erledigen und kaufen deshalb ein halbes Dutzend auf einmal.“ In Wirklichkeit jedoch will der Hemdenkauf gut überlegt sein. Das Hemd ist nämlich nicht nur die Basis eines guten Outfits, sondern es sagt auch viel über dessen Träger aus. „Eine gute Hemdenwahl deutet auf Zurückhaltung hin“, so Reimer. „Im Geschäftsleben ist das gegenüber demjenigen, der mit einem auffälligen Hemd sagt: ‚Guck mal, hier bin ich‘, vielleicht durchaus zu bevorzugen.“

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