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Harold Voith im Interview : „Zaubern können heißt, geistvoll zu unterhalten“

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Harold Voith: Der Gründer und Leiter der Zauberakademie in Pullach bei München bildet Zauberer aus und hat besondere Zaubertricks für Chefs im Repertoire Bild: Andreas Müller

Was können Manager von trickreichen Hexen und schwebenden Jungfrauen lernen? Die Kunst ist es, Ablenkung, Entertainment und Schnelligkeit zu koordinieren, sagt der Zaubermeister Harold Voith.

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          Herr Voit, regelmäßig versammeln sich in Ihrem historischen Gewölbekeller in Pullach bei München Führungskräfte. Warum wollen Chefs bei Ihnen Zaubern lernen?

          Manche haben einfach Spaß daran, etwas Neues zu lernen, andere sind keine großen Redner und suchen nach einer Methode, das besser zu machen, wenn sie vor ihren Mitarbeitern stehen. So wie der Chef einer großen Maschinenfabrik oder ein Technikfabrikant, die wollen eine zündende Idee für ihre Präsentation. Wer eine Ansprache mit einem Zaubertrick beginnt, beispielsweise ein Buch aufschlägt, aus dem Flammen schlagen, der hat die Aufmerksamkeit auf seiner Seite. Auch wenn er kein Mann der großen Worte ist.

          Ist so eine Vorführung nicht noch schwieriger für zurückhaltende Menschen, als eine Rede zu halten?

          Jeder, der auf die Bühne rausgeht, der flattert. Viele Chefs haben so ein Problem. Denen geben wir ein Zauberkunststück an die Hand, damit sie sich öffnen können, die Kluft zu anderen überwinden können. Hauptsache, das passt zum Typ. So kann man Metallringe verketten und entketten und das mit einer Mittelalter-Nummer vorführen oder als Weißclown hereinkommen. Wir versuchen nicht nur bei der Business-Magie den Charakter des Menschen mit einem Kunststück zu verbinden, ihm das auf den Leib zu schneidern.

          Lassen sich Chefs auch kritisieren, wenn ein Zauberkunststück überhaupt nicht zu ihnen passt?

          Aber ja. Die zahlen ja dafür.

          Wie viel?

          Ein Semester kostet 740 Euro, inklusive Unterrichtsmaterial und schriftlicher Unterlagen. Ein Businesskurs dauert ein halbes Jahr mit 36 Unterrichtseinheiten.

          Gibt es Tricks, die bei Frauen gut ankommen?

          Effekte, die harmonisch wirken, zum Beispiel mit Seidentüchern, die sind beliebt. Aber auch brutale Sachen. Wir haben eine kleine Maschine, mit der man die Hand abhacken kann, da gibt es junge Damen, die machen das sehr gut und verkleiden sich dazu als Hexen. Eine Dozentin führt das im Kostüm vor, als käme sie von einem Thingplatz. Eine andere karikiert mit ihrer Nummer und zaubert im Glitzerdirndl mit Bierkrügen.

          Sie selbst hatten früher beruflich mit der Zauberei nichts am Hut.

          Ich hatte mal einen anständigen Beruf, war Beamter, erst beim Bundesgrenzschutz, dann beim Bundesnachrichtendienst. Aber Zaubern hat mich immer schon fasziniert. Meine Vorfahren mütterlicherseits waren alles Pfarrer, vielleicht kommt es daher.

          In der prägenden Zeit waren Sie auf einem Internat in Bad Wiessee.

          Damals wollte ich noch Clown werden. Aber das ist schwieriger, als Zauberer zu sein, denn da hat man den anderen gegenüber immer einen Wissensvorsprung. Es gab gute Zauberbücher aus dem Ravensburger Verlag, die habe ich gefressen. Von den Eltern habe ich mir Briefmarken schicken lassen, um ihnen zu schreiben. Die Marken habe ich eingesetzt, um mir bei zwei deutschen Zaubergeräteherstellern wunderschöne Kataloge zu bestellen. Da gab es keinen Geheimnisverrat, keinen Trickverrat, wie „Butterfly, die magische Teekiste“ oder „Der blitzschnell erscheinende Blumentopf“ und „Der neueste Vier-Ass-Trick“ funktionierten. Die Erklärungen kamen ja erst, wenn man einen Artikel bestellte. Das konnte ich mir nicht leisten. Aber ich habe mir dann immer vorgestellt, wie man es machen könnte.

          Später haben Sie eine Art Familienunternehmen aufgebaut.

          Beide Töchter haben Betriebswirtschaft studiert und sind mit dem Bazillus Magicus infiziert. Meine Tochter Christiane hat mit mir 1995 den ersten Internetshop für Zauberartikel aufgebaut. Die Gaudi hat mich damals 68 000 Mark gekostet. Meine andere Tochter Carolin hat mir geholfen, die Schule als zertifiziertes Unternehmen zu etablieren. Wir sind die einzige Schule in Deutschland, die staatlich anerkannt das Zaubern lehrt. Seither bieten wir mit 18 Dozenten unter anderem eine Ausbildung an, die vier Semester dauert und mit einer Prüfung endet.

          Vor zwölf Jahren haben Sie das Unternehmen an ihre Tochter und ihren Schwiegersohn verkauft.

          Mittlerweile habe ich es meiner Tochter Christiane und ihrem Mann, dem Gedankenleser Thorsten Havener, wieder abgekauft. Sie sind so erfolgreich und so viel auf Tourneen, dass sie dafür keine Zeit mehr haben.

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