https://www.faz.net/-gyl-6xx9y

Halal-Experten : Kaufkräftige Muslime

  • Aktualisiert am

Für viele Halal-Produzenten beliefert ein externer Dienstleister die türkischen Supermärkte. Bild: dpa

Der Handel mit Lebensmitteln, die nach den Speisevorschriften des Koran hergestellt werden, wird immer attraktiver. Experten bringt der Markt jedoch erst langsam hervor. Denn die Einzelhandelsketten zögern.

          2 Min.

          Ethno-Outsourcing nennt Engin Ergün das, womit er sein Geld verdient: Lebensmittelhersteller und -händler, die Produkte nach den Speisevorschriften des Korans anbieten wollen, lagern Produktentwicklung, Marketing und den Vertrieb lieber aus. Denn für den Halal-Markt fehlt ihnen die Expertise. Und weil sich niemand sicher ist, ob Halal in Deutschland so ein großer Trend wird wie in Frankreich und Großbritannien, nehmen die Unternehmen lieber Dienstleister in Anspruch, als eigene Experten einzustellen - Dienstleister wie Engin Ergün.

          Im Jahr 2005 hat er die Ethno IQ GmbH gegründet, die anfangs nur aus einem Unternehmensberater bestand: ihm selbst. Heute ist sie 32 Mitarbeiter stark. Und deren Fachwissen wird vermehrt nachgefragt, denn der Handel mit Halal-Waren wird immer attraktiver. Die Kaufkraft der Muslime beträgt allein in Deutschland mittlerweile 3 bis 4 Milliarden Euro. Sie werden nicht nur immer mehr, sie werden auch immer wohlhabender.

          Und gerade die junge Generation der türkischen Zuwanderer nimmt es mit den Speisevorschriften des Korans wieder genau. Sie achtet darauf, dass Lebensmittel keine Spuren von Schwein oder Alkohol enthalten und das Fleisch aus besonderer Schlachtung kommt. Nicht nur aus religiösen Gründen. Halal ist auch schick.

          Vom Halal-Konsumenten zum Handelsexperten

          Trotz zunehmender Relevanz: Experten bringt der Markt erst langsam hervor. Osman Mahmoud ist so einer. Noch vor elf Jahren führte er deutsche Reisegruppen durch seine ägyptische Heimat. Heute führt der Fünfunddreißigjährige Verkaufsgespräche. Mit dem Studium der Ägyptologie konnte er in seiner Wahlheimat Deutschland nichts anfangen. 2002 bildete er sich deswegen im Bereich Außenwirtschaft und Länderberatung weiter und avancierte in nicht einmal zwei Jahren vom Halal-Konsumenten zum Handelsexperten.

          Heute ist Mahmoud Verkaufsleiter bei Meemken, einem der größten Produzenten und Händler von Fleischwaren, die nach den Regeln des Islams produziert werden. Obwohl Meemken am Standort bei Oldenburg ausschließlich halal produziert, sind Mahmoud und ein anderer Mitarbeiter die einzigen Muslime im Betrieb. "Wir haben den Kollegen dann Seminare gegeben", sagt er. Heute hält er seine Vorträge auch über die Unternehmensgrenzen hinweg.

          Der deutsche Einzelhandel zögert

          Ein muslimischer Verkaufsleiter ist eine Ausnahme in deutschen Halal-Betrieben. Und auch die Einzelhandelsketten stellen bislang keine Sortimentberater für Halal-Waren ab. Als eine der wenigen Einzelhandelsketten hatte Edeka Minden-Hannover für kurze Zeit einen Mitarbeiter im Einkauf mit dem Thema betraut. Aber der kümmert sich jetzt wieder um andere Bereiche. "Bei uns ist Halal heute nur eine Randerscheinung", sagt ein Sprecher von Edeka Minden-Hannover. Das liege daran, dass die türkische Infrastruktur in Deutschland so stark sei und die Muslime auf ein Angebot der großen Einzelhandelsketten nicht angewiesen seien.

          Die Zurückhaltung der großen Handelsketten kommt Dienstleistern wie Engin Ergün gerade recht. Die Halal-Waren seiner Kunden - namhafte Firmen wie Nestlé, Haribo und Maggi - liefert er für sie an rund 3500 türkische Supermärkte in Deutschland. "Ohne uns müssten die Verkaufsleiter mit jedem der 3500 Besitzer einzeln abrechnen.“

          Weitere Themen

          Dax-Konzernchefs verdienen weniger

          Studie : Dax-Konzernchefs verdienen weniger

          Die Gehälter der Chefs der 30 größten Konzerne in Deutschland sind im vergangenen Jahr um 2 Prozent gesunken. Das betrifft allerdings nur die gewährten und nicht die ausgezahlten Gehälter.

          Fast niemand will mehr Manager werden

          Studie : Fast niemand will mehr Manager werden

          Es breitet sich die Manager-Müdigkeit aus: Beruflich wollen in Zukunft nur noch wenige eine Führungsposition übernehmen, wie eine neue Studie zeigt. Die Autoren mahnen die Unternehmen auf zu handeln.

          Topmeldungen

          Zweites Selenskyj-Protokoll : Trumps Entlastungsangriff durch Geplänkel

          Das Telefonat, das Trump im Juli mit dem ukrainischen Präsidenten führte, ist schwer zu verteidigen. Also veröffentlichte das Weiße Haus das Protokoll eines früheren Gesprächs. Da ging es um leckeres Essen und schöne Ukrainerinnen.
          Verfasste laut Dokumenten aus der Stasi-Unterlagenbehörde über zwölf Berichte zu Kameraden: der neue Verleger der „Berliner Zeitung“ Holger Friedrich

          Verleger der „Berliner Zeitung“ : Holger Friedrich war Stasi-Spitzel

          Der neue Besitzer des Berliner Verlags hat für die Stasi NVA-Kameraden observiert. Dem geplanten Bericht der „Welt am Sonntag“ kam der Unternehmer Holger Friedrich mit einer „Stellungnahme in eigener Sache“ zuvor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.