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Häufung von Plagiaten : Doktor aus Bratislava

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

An der Universität im slowakischen Bratislava fliegen immer mehr Doktoranden mit Plagiaten auf. Fachleute sehen in der Häufung ein ernstzunehmendes Problem. Jetzt könnte die Gesetzeslage verschärft werden.

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          Der Rektor der Paneuropäischen Universität in Bratislava, Juraj Stern, will die Anfälligkeit seines Landes für Plagiate in fremdsprachigen Dissertationen verringern. Er setze sich dafür ein, dass Doktortitel entzogen werden können, wenn in den zugrundeliegenden Arbeiten nachweislich wissenschaftlich getäuscht wurde. Eine entsprechende Regelung könnte in der anstehenden Novellierung des Hochschulgesetzes eingefügt werden, sagte Stern dieser Zeitung. Derzeit ist ein Titelentzug in der Slowakei nicht möglich. Für seine eigene Universität kündigte Stern an, englisch- und deutschsprachige Dissertationen in Zukunft auf Plagiate untersuchen zu lassen. Bislang sei dies nur bei Arbeiten in der Landessprache möglich. Die Wissenschaftsplattform VroniPlag Wiki hat derzeit fünf Plagiatsfälle an slowakischen Universitäten öffentlich dokumentiert. Weitere acht Fälle werden analysiert. Betroffen sind die Comenius-Universität, die St.-Elisabeth-Hochschule für Gesundheitswesen und Sozialarbeit und die Paneuropäische Hochschule.

          Erstaunlichster Fall ist die Arbeit der Wiener Kunsttherapeutin Julia Linnert-Kuhn. In ihrer Arbeit fand VroniPlag Wiki auf hundert Prozent der Textseiten Plagiate. Insgesamt wurden 98,3 Prozent des Textes aus gerade einmal dreizehn Quellen abgeschrieben, und dies ohne ausreichende Herkunftsangabe. Bisher wurden solche Komplettplagiate nur im Fach Medizin gefunden. Linnert-Kuhn teilte dieser Zeitung mit, die von der Universität veröffentlichte Version ihrer Arbeit sei nicht die von ihr eingereichte Letztfassung. Dieser Ansicht widerspricht Stern: Die Hochschule habe den von ihr begutachteten Text ins Internet gestellt.

          Dieser birgt indes eine weitere Überraschung: Als einer der Gutachter der Arbeit wird Linnert-Kuhns Vater benannt. Ungenannt bleibt hingegen der Managementberater Heinrich Dick, der nach eigenen Angaben „die zu 90 Prozent druckreife Dissertation“ formal fertiggestellt hat. „Ein Honorar habe ich abgelehnt, da mich Linnert persönlich um Hilfe für seine Tochter gebeten hatte.“ Julia Linnert-Kuhn gibt in ihrem Lebenslauf nicht an, wo sie den „PhDr.“, der keinerlei Doktoratsstudium voraussetzt, erworben hat.

          Die Herkunft seines Doktortitels verschweigt auch der Weilburger Rechtsanwalt Thorsten Eidenmüller. Auf über 41 Prozent der Textseiten seiner in Bratislava eingereichten Arbeit sind Plagiate zu finden. So beschreibt Eidenmüller zehn Interviews, die er selbst durchgeführt und transkribiert haben will. Fast alle Interviews sind jedoch, oft wortwörtlich, aus Internetquellen entnommen, etwa aus dem Wikipedia-Artikel zu „Streetwork“. Eidenmüllers Rechtsanwalt teilte Mitte Mai mit, man wolle die Vorwürfe prüfen. Weitere Nachfragen blieben seitdem unbeantwortet. Der Berliner Rechtsprofessor Gerhard Dannemann meint, dass die auffällige Häufung von Plagiaten in deutschsprachigen Dissertationen in der Slowakei ein ernstzunehmendes Problem sei: „Die Slowakei scheint deutschsprachige Dissertationen anzuziehen, die mit wenig Aufwand und bei hohen Gebühren entstanden sind.“

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