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Bewusstsein bei Tieren : Das geistige Leben der Bienen

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Bild: dpa

Bienen sind besonders kluge Insekten. Der Verhaltensforscher Lars Chittka legt dafür eindrucksvolle Belege vor. Sollte man deshalb von einem Bewusstsein der Bienen sprechen?

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          Das Gehirn der Biene ist nach dem menschlichen das vollkommenste in der gesamten Natur, fand der belgische Schriftsteller Maurice Maeterlinck. Sein „Leben der Bienen“ gehört zu den wenigen Werken des einst gefeierten Literaturnobelpreisträgers, die noch nicht gänzlich in Vergessenheit geraten sind. Zu den Kennern dieses 1901 erschienenen Buchs gehört der Verhaltensforscher Lars Chittka, der zurzeit Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin ist. Er und sein Team haben im Freiland und im Labor der Londoner Queen-Mary-Universität staunenswerte Beobachtungen und Experimente mit Honigbienen und Hummeln gemacht. In ihrem Licht erscheint Maeterlincks Bewunderung für den „Intellekt“ der Bienen weniger abwegig, als sie auf den ersten Blick wirken mag.

          Dass Bienen ein hervorragendes Orientierungsvermögen haben und Meister der Staatenbildung sind, ist lange bekannt. Aber die zugrundeliegenden Verhaltensweisen galten bislang als rein instinktiv. „Der traditionellen Vorstellung zufolge haben Bienen keine kognitive Flexibilität, sind sie komplexe, aber instinktgesteuerte Reflexmaschinen, in deren Köpfen es dunkel ist, wenn sie nicht stimuliert werden“, sagt Lars Chittka. Doch seine Forschungen liefern ein anderes Bild. Honigbienen und die eng verwandten Hummeln zeigen sich hier als Wesen, die über Intelligenz und auch so etwas wie Bewusstsein verfügen – und zwar in dem Sinne, in dem man auch Primaten diese Qualitäten zuschreibt.

          Zahlreiche Indizien sprechen dafür, dass diese Insekten planen und lernen, Situationen durchspielen, Konsequenzen voraussehen und auch unterschiedliche emotionale Zustände durchlaufen können. Die Fähigkeit, Gesichter zu erkennen und bis drei zu zählen, sind nur zwei Beispiele für kognitive Leistungen. Ein weiteres liefert die Nahrungssuche: Bienen reagieren nicht einfach automatisch auf Blütenfarben, sondern sie versuchen, in unklaren Situationen zu bestimmen, wie wahrscheinlich eine lohnenswerte Ausbeute an Pollen und Nektar ist. In solchen Fällen verlangsamen sie ihren Flug, um die Angelegenheit zu prüfen. Erscheint ihnen das Risiko, am Ende leer auszugehen, zu hoch, drehen sie bei. Auch die Nahrungsaufnahme folgt keiner simplen Mechanik: Die Techniken, um an Nektar und Pollen einer Blüte zu gelangen, sind mitunter so kompliziert, dass es mehrere Anläufe braucht. Ein einzelnes Tier kann etliche solcher Tricks erlernen.

          Optimismus bei Bienen

          Auch hinter der Orientierung steckt mehr als nur das punktgenaue Anfliegen von Zielen. Bienen sind darüber hinaus in der Lage, das „Problem des Handlungsreisenden“ zu lösen. Wenn sie sich zwischen mehreren Orten hin und her bewegen, finden sie die kürzeste Route, auf der jeder Ort nur einmal besucht wird. Das verlangt eine hohe Aufmerksamkeit und Unterscheidungsfähigkeit, ein gutes Merkvermögen und effiziente Suchstrategien. Bienen erinnern sich auch an gefährliche Situationen, denen sie entkommen sind, zum Beispiel einer Begegnung mit der todbringenden Krabbenspinne auf einer Blüte. Dabei zeigen sich durchaus individuelle Züge: Manche Tiere vermeiden anschließend alle Blüten dieses Typs. Andere sammeln dort zwar weiter, verhalten sich nun aber viel nervöser und verlassen auch sichere Blüten, weil falscher Alarm sie aufschreckt. Allerdings verharren nicht alle in diesem „Pessimismus“. Finden Bienen auf solchen Blüten süße Belohnungen, die sie nicht erwartet hatten, geraten manche von ihnen in einen „optimistischen“ Zustand, in dem sie den überstandenen Angriff leichter verarbeiten.

          Im Labor hat sich zudem gezeigt, dass es Tiere gibt, die bereit sind, sich für eine mögliche Belohnung auch an schwierige oder riskante Aufgaben zu wagen, während andere solche Herausforderungen lieber von vornherein meiden – offenbar weil sie das Risiko eines Irrtums für zu hoch halten. „Es scheint, dass Bienen die Sicherheit ihres eigenen Wissens einschätzen“, sagt Lars Chittka.

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          Ein wichtiges Testkriterium für Intelligenz ist die Fähigkeit, auch Aufgaben zu lösen, die sich nicht direkt aus der natürlichen Umgebung ergeben. Da haben Hummeln und Bienen einiges zu bieten: Sie lernen beispielsweise, an einer Schnur zu ziehen, um an eine künstliche Blume samt Belohnung zu gelangen.

          Beim menschlichen Bewusstsein kommt allerdings ein wesentliches Merkmal hinzu – das subjektive Erleben. Wenn wir an eine heiße Herdplatte kommen, ziehen wir nicht einfach den Finger zurück, sondern wir fühlen sehr deutlich Schmerz. Ob sich im Kopf von Insekten etwas Vergleichbares abspielt, darüber lässt sich nur spekulieren. Schließlich fehlt ihnen das Medium, mit dem Menschen sich untereinander ihre geistigen und emotionalen Zustände mitteilen: die Sprache. Zwar wird der Bienentanz wegen seiner wortähnlichen Symbole auch als „Sprache“ bezeichnet, aber Chittka sieht hier doch beträchtliche Unterschiede, denn die Muster der Bienen-Kommunikation sind fest verdrahtet. Ihr fehlen die Flexibilität, Kombinierbarkeit und Ausbaufähigkeit menschlicher Sprache. Gerade die Sprache aber, die Eindrücke und Gedanken fixiert, ist der Treibstoff für die Weiterentwicklung von Bewusstsein.

          Ein Gehirn von Sandkorngröße

          Bei seinen Bibliotheksrecherchen im Berliner Wissenschaftskolleg ist Chittka auf über zweihundert Jahre alte Versuchsberichte gestoßen, die ihn elektrisiert haben. Damals experimentierte der Schweizer Naturforscher François Huber mit Bienenstöcken, in die er oben Glasplatten einzog, um die Tiere beobachten zu können. Das Glas hatte einen unerwarteten Effekt: Normalerweise bauen Bienen ihre Waben von oben nach unten. Weil das Wachs am Glas schlecht haftet, änderten die Bienen sofort die Richtung und bauten nun von unten nach oben. Als Huber auch dort Glas einzog, reagierten die Tiere mit einer waagrechten Konstruktion und bauten, wenn nötig, auch rechtwinklig. Dieser enorme – man möchte fast sagen – Einfallsreichtum, der zudem noch kollektiv umgesetzt wird, fasziniert Chittka. Manchen Imkern ist Huber noch ein Begriff, doch in der Zoologie geriet sein Werk in Vergessenheit. Chittka möchte nun an seine Experimente anknüpfen.

          Das geistige Leben der Bienen findet in einem Gehirn statt, das nicht größer als ein Sandkorn ist. Mit einer Million ist die Zahl seiner Nervenzellen gegenüber den hundert Milliarden des menschlichen Hirns lächerlich klein. Aber die vergleichsweise wenigen Neuronen im Bienenhirn sind vielfältig verzweigt, zudem sind die Signalwege extrem kurz und effektiv. „Außerdem hat sich gezeigt, dass intelligentes und komplexes Verhalten mitunter auf recht einfachen Gehirnprozessen beruhen kann“, sagt Lars Chittka.

          Verändert das Wissen über das Innenleben der Insekten auch die Einstellung der Forscher zu ihren Versuchstieren? Ja, man werde skrupulöser, sagt Chittka. Bislang gibt es, anders als bei Wirbeltieren, keinen rechtlichen Rahmen für Insektenversuche, der die erlaubte Zahl der eingesetzten Tiere und den Umgang mit ihnen festlegt. Das sollte sich ändern, findet Lars Chittka.

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