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Grundlagenforschung : Ihre Mission heißt Innovation

Viel Raum für die Grundlagenforschung: Das unterirdische Neutrino-Observatorium Super-Kamiokande unweit der japanischen Stadt Kamioka Bild: Archiv

Die Politik will, dass Forschung nützlich und für jeden verständlich ist – verliert aber selbst das Interesse an ihr. Der Grundlagenforschung schlägt ein unfreundlicher Wind entgegen.

          5 Min.

          Es lohnt sich, heute daran zu erinnern, dass kein Politiker jemals die Erfindung eines Computers oder Mobiltelefons gefordert hat. Der Computer wurde sogar maßgeblich an einem Institut entwickelt, das eigens für die zweckfreie Grundlagenforschung eingerichtet worden war: Das Institute for Advanced Studies in Princeton sollte nach dem Willen seines Gründungsdirektors Abraham Flexner der „ungehinderten Verfolgung nutzlosen Wissens“ dienen, das seine Fruchtbarkeit erst sehr viel später zeigen würde, wenn überhaupt. Robbert Dijkgraaf, der das Princetoner Institut heute leitet, weist darauf in seinem Vorwort zu Flexners berühmter Abhandlung „Der Nutzen nutzlosen Wissens“ von 1939 hin. Beides, Vorwort wie Abhandlung, sind eindrucksvolle Belege für die Schwierigkeit der Politik, die Zukunft, ja schon die Gegenwart der Forschung zu imaginieren.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Der Nutzen kam in Princeton schneller, er brachte die nukleare und die digitale Revolution. Hätte der in Princeton tätige Albert Einstein, der einen praktisch wertlosen Aufsatz über die Struktur des Atomkerns publiziert hatte, Präsident Roosevelt nicht brieflich zum Bau der Atombombe aufgefordert, dann hätte der ebenfalls in Princeton forschende John von Neumann nicht damit begonnen, einen digitalen Computer zu entwerfen, um die für den Atombombenbau notwendigen Modellierungen durchführen zu können. Mit angewandter Computertechnik hatte von Neumann bis dahin nichts im Sinn. Ihn interessierte der mechanische Beweis mathematischer Theoreme auf der Turing-Maschine. Auch das hatte zunächst keinen praktischen Wert.

          Produkte und Patente

          Man kann sich daher vorstellen, wie genervt die Wissenschaftler von den immer zudringlicheren Rufen der Politik nach Innovation, Patenten und Anwendungen sind. Es steht außer Frage, dass gute Wissenschaftspolitik sich um beides, Anwendung und Grundlagen, kümmern muss. Unbestritten ist aber auch, dass dieses Gleichgewicht aus dem Ruder gelaufen ist. Die gesamte Forschung, und nicht nur ihr anwendungsbezogener Teil, wird heute nach einem kurzatmigen Innovationsmodell gesteuert, das, wie Jörg Hacker, Wilhelm Krull, Martin Lohse und Peter Strohschneider in dieser Zeitung schrieben, die Risikobereitschaft und die Vorstellungskraft erlahmen und den bahnbrechenden Zufallsfund ausbleiben lässt.

          Nichts spricht gegen den politischen Versuch der EU-Kommission, die Wissenschaften für gesellschaftliche „Missionen“ wie Klimaschutz, Gesundheit, IT-Sicherheit einzuspannen. Und es ist ein erfreuliches Zeichen, dass die EU in ihrem neuen Rahmenprogramm die Projektauswahl anders als bisher der Wissenschaft überlassen will. Von dieser Förderung soll aber in erster Linie ein anwendungsbezogener Typ der Forschung profitieren, der auf Produkte und Patente abstellt. Der Grundlagenforschung schlägt in dieser Legislaturperiode ein besonders unfreundlicher Wind entgegen. Die außeruniversitären Institute von Helmholtz bis Max Planck werden da schon einmal als „fette Katzen“ bezeichnet. Und aus allen Ecken dröhnt es: Transfer, Transfer, Transfer!

          Zweifellos gibt es Defizite. So schafft es beispielsweise die Informatik nicht, ihre wissenschaftlichen Talente im Land zu halten oder zu Ausgründungen zu bewegen. Trotzdem bleibt die Frage: Ist die Förderung des Wissens über den eigenen Ort in Raum und Zeit keine gesellschaftliche Herausforderung? Ist, um nicht immer nur die Naturwissenschaften zu zitieren, eine Wiederbelebung des existentialistischen, hermeneutischen und phänomenologischen Denkens nicht überhaupt erst die Bedingung dafür, von der „Realität“ mehr als oberflächlich berührt zu werden? Ist ein offener Vernunftbegriff weniger wichtig als die Förderung der bei der Politik so beliebten Künstlichen Intelligenz, die Verstand und Vorstellungskraft auf eine Teilfunktion reduziert? Ist die Unterwerfungsbereitschaft unter Autokraten etwas ganz anderes als die Unterwerfungsbereitschaft unter die anonymen Algorithmen der KI?

          Wissenschaftskommunikation als Marketingstrategie

          Die deutsche Bildungsministerin Anja Karliczek ist wie der europäische Forschungskommissar Carlos Moedas von Haus aus Betriebswirt. Beide haben ein Faible für Innovation mit Schwerpunkt Künstliche Intelligenz. Beiden wird vorgeworfen, Wissenschaft nur vom Produkt her zu denken und für die Forschung selbst kein Interesse zu haben. Es mag sie als Betriebswirte dennoch interessieren, dass „ein breit gefächertes Wissenschaftsportfolio aus relativ sicheren kurzfristigen Investitionen und risikoreichen langfristigen Wetten, die aber Gewinne einbringen können, die jede Skala sprengen“ (Dijkgraf), dass also auch dies eine reizvolle Anlage ist. Zur Motivation könnten sie sich eine europäische Innovationskette ohne Computer, Elektrizität und Quantentheorie vorstellen, was dann auch hieße: ohne Künstliche Intelligenz.

          Das zweite Lieblingsthema von Ministerin Karliczek ist die Wissenschaftskommunikation. Ihre erste Forderung im Amt lautete, die Wissenschaften sollten sich besser verständlich machen, was in Zeiten von Faktenzweifel und Expertenkritik schon in ihrem eigenem Interesse liegt. Nun haben die Universitäten gewaltige Pressestellen aufgebaut, dazu kommen Lange Nächte der Wissenschaften, Kinderuniversitäten, Science Slams und andere Events. Unvoreingenommene Aufklärung ist von den auf Markenbildung eingeschworenen Pressestellen aber nicht zu erwarten. In Frankfurt heißt die Presseabteilung beispielsweise „PR & Kommunikation“. Und sind die Slams und Wissenschaftsnächte nicht gerade deshalb so langweilig, weil man durch bunte Bilder und lustige Experimente so gut wie nichts über die Faszination der Forschung erfährt?

          Wissenschaft als Rätsel

          Im „Merkur“ hat Burkhard Müller kürzlich beschrieben, wie sehr sich mathematisierte Naturwissenschaften, die mit der Alltagserfahrung brechen, der populären Vermittlung sperren. Um beispielsweise die Raumzeit zu erklären, werden die blumigsten Bilder herbeizitiert. Umsonst: der eigentliche Bruch, der Sprung in die neue Dimension, versinkt im Metaphernsalat. Dem Leser bleibt ein schwammiges Aha-Erlebnis und ein Trittbrett-Gefühl der Erhabenheit, was Müller nicht den Autoren anrechnet, sondern der Tatsache, dass diese Phänomene schlicht unverständlich für jeden sind, der sich nicht über Jahre hinweg daran abgearbeitet hat, einen paradoxalen Erfahrungsraum zu stabilisieren. Sapere aude heißt in diesem Fall eben nicht, dass das Wissen jedem zugänglich ist, der sich nur strebend bemüht, sondern dass die bruchartige Verschiebung der Weltsicht eine existentielle Erschütterung bedeutet, die nur in Einsamkeit, Freiheit und Ruhe bewältigt werden kann. Wäre es also nicht besser, zu sagen: die Raumzeit wird für den Laien ein ewiges Rätsel bleiben? Sollte es nicht eines der vornehmsten Ziele populärer Wissenschaft sein, die Einsicht in die Relativität des eigenen Standpunkts zu fördern?

          Natürlich macht das Wissenschaftspopularisierung nicht verzichtbar, nicht alles ist höhere Mathematik. Und es ist eine ganz selbstverständliche Forderung an die modernen Existenzform, sich in ein Verhältnis zum wissenschaftlichen Weltbild zu setzen. Dass der Laie daran nur scheitern kann, sagt weniger über ihn selbst als über seinen Ort in einer nur als Paradox erfahrbaren wissenschaftlichen Welt. Mit ihrem forcierten Beharren auf Nutzwert und Bürgerorientierung schafft die EU dagegen die Illusion: Wissenschaft ist ein buntes Spektakel, bei dem alle auf Augenhöhe kommunizieren und jeder mitmachen kann. Und mitmachen muss.

          Zwanzig Prozent ihrer Zeit wendet die diesjährige Communicator-Preisträgerin Antje Boetius auf, um ihre meeresbiologische Forschung der Öffentlichkeit zu erklären. Zwanzig Prozent bleiben Universitätswissenschaftlern neben Verwaltung und Lehre im Schnitt für die Forschung. Die Forderung nach mehr Kommunikation wäre also erst dann realistisch, wenn an anderer Stelle Freiräume geschaffen würden. Das müsste heißen: Abbau der Projektforschung und ihres exzessiven Schriftverkehrs. Dass daran nicht einmal im Traum gedacht wird, zeigt der jüngste Beschluss der Bundesregierung, im Rahmen der High-Tech-Strategie fünfzehn Milliarden Euro in die industrienahe Projektforschung – Plastikmüll, Krebs, Batteriezellen – zu investieren.

          Hohl wirkt der Kommunikationsappell vor allem dann, wenn die Politik Ergebnisse der Forschung selbst souverän ignoriert. Die Leseforschung ist sich seit Jahren einig, dass Lektüre auf Tablets und Smartphones schlechter verstanden und erinnert wird als in Lehrbüchern und E-Readern. Was will die Politik mit dem Digitalpakt in die Klassenzimmer holen? Richtig: Tablets und Smartphones.

          Als sich Einstein 1933 in Princeton niederließ, schreibt Robbert Dijkgraaf, lud ihn Präsident Roosevelt ins Weiße Haus ein. Flexner fing die Einladung ab und lehnte im Namen Einsteins ab, indem er schrieb: „Professor Einstein ist nach Princeton gekommen, um seine wissenschaftliche Arbeit in Zurückgezogenheit fortzuführen, und es ist absolut unmöglich, eine Ausnahme zu machen, die ihn unausweichlich in das Licht der Öffentlichkeit rücken würde.“ Nach diesem Zwischenfall beantwortete Einstein seine Post lieber selbst.

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