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Gründen als Jurist : Einfach mal gründen

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BERNHARD SCHULZ, 24, GRÜNDER VON COMPENSATION2GO Bild: Compensation2go

Wer Jura studiert, muss nicht unbedingt klassisch als Anwalt arbeiten. Vier Juristen erzählen von ihrem etwas anderen Schritt in die Selbständigkeit.

          3 Min.

          Bernhard Schulz, 24, Gründer von Compensation2go

          „Ich habe während meines Studiums das Unternehmen Compensation2go aufgebaut, das Entschädigungsforderungen von Fluggästen kauft. Die Idee kam mir, weil ich nach dem Abitur viel gereist bin und oft von Verspätungen und Flugausfälle betroffen war. Für die Gründung war aber weniger mein juristisches als mein technisches Wissen wichtig: Seit meinem 14. Lebensjahr koordiniere ich technische Projekte wie den Aufbau von Online-Shops. So konnte ich erst mal alles selbst machen. Es war brutal anstrengend, das neben dem Studium durchzuziehen. Ich habe kaum geschlafen und war der Exot in meinem Semester. Statt in der Bibliothek zu büffeln, habe ich Fälle bearbeitet, die Website optimiert und Investoren gesucht. Aber es hat sich gelohnt: Drei Jahre später ist mein Unternehmen immer noch erfolgreich, und ich stehe kurz vor dem ersten Staatsexamen. Danach will ich promovieren und dann ins Referendariat. Mein Studium ziehe ich auf jeden Fall durch. Ich kann mir auch vorstellen, später mal eine Weile in einer Großkanzlei zu arbeiten. Aber ich gehöre nicht zu den Menschen, die 40 Jahre lang jeden Morgen in dasselbe Büro gehen wollen. Ich glaube auch nicht, dass Juristen unbedingt gute Gründer sind. Viele haben risikoscheue Persönlichkeiten und suchen berufsbedingt eher nach Problemen als nach Lösungen. Als Unternehmer ist es genau umgekehrt. Und das reizt mich einfach.“

          Mirko Laudon, 42, Strafverteidiger und Blogger (Strafakte.de)

          MIRKO LAUDON, 42, STRAFVERTEIDIGER UND BLOGGER (STRAFAKTE.DE)

          „Ich habe schon im Referendariat erkannt, dass eine Tätigkeit als Staatsanwalt oder Richter für mich nicht in Frage kommt: strenge Hierarchien, starre Abläufe, null Kreativität – das ist nichts für mich. Stattdessen habe ich mich direkt nach dem Studium als Strafverteidiger selbständig gemacht. Selbstbestimmung und -verwirklichung sind mir einfach wichtig. Ich will allein entscheiden, warum ich etwas mache und wie ich es angehe – und den Ertrag meiner Arbeit selbst ernten. Vielleicht fiel mir der Schritt leichter, weil ich vor dem Studium freiberuflich als Journalist gearbeitet habe. Dort ist die Selbständigkeit normal, während sie Juristen im Studium überhaupt nicht vermittelt wird. Eine Existenzgründung als Anwalt muss man sich selbst erarbeiten, ein Konzept entwickeln und sich das nötige Wissen zu Steuern, Finanzen und Berufsrecht aneignen. Die größte Hürde ist die fehlende finanzielle Sicherheit am Anfang. Ich würde lügen, wenn ich etwas anderes sagen würde. Ich hatte allerdings das Glück, dass ich schon nach einigen Monaten solide Einnahmen hatte, und habe meine Entscheidung nie bereut. Aber ich rate jedem, der mit diesem Weg liebäugelt, dazu einen guten Plan zu haben. Und eine Antwort auf die Frage: Wie kommen Mandanten zu mir? Die Zeiten, in denen es ausreichte, sich ein Kanzleischild an die Tür zu hängen, sind lange vorbei.“

          Tianyu Yuan, 30, Gründer von Lex Superior

          TIANYU YUAN, 30, GRÜNDER VON LEX SUPERIOR

          „Wenn man über die heutige Juristenausbildung nachdenkt, kann man an einigen Stellen nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Deshalb habe ich noch während des Referendariats mit zwei Freunden das Start-up Lex Superior gegründet. Wir haben eine App programmiert, die das Jurastudium entstauben soll. Das ist dringend nötig: Dicke Wälzer schleppen, Papier sortieren, auswendig lernen statt Zusammenhänge verstehen – das nervt schon Generationen von Studenten und ist im digitalen Zeitalter einfach nicht mehr nötig. Unsere App bündelt alle Gesetzestexte und hält sie auf dem neusten Stand, dazu gibt es hilfreiche Lernbausteine. Mittelfristig wollen wir das Angebot zu einem Wissensdienstleister für alle Juristen ausbauen und den juristischen Diskurs stärken. Es läuft gut, derzeit haben wir etwa 30.000 Nutzer pro Monat – und unzählige Ideen, die App weiterzuentwickeln. Aktuell arbeite ich teils in unserem Start-up und teils an meiner Dissertation zur Automatisierung juristischer Entscheidungen. Die beiden Staatsexamen habe ich schon in der Tasche. Als ich mit Jura angefangen habe, war mein Ziel die Großkanzlei. Mit 20 haben mich schicke Büros, schnelle Autos und ein dickes Gehalt noch beeindruckt. Aber die Welt ist einfach größer als das. Und Jura schätze ich vor allem, weil man damit so verdammt viel machen kann und Sachen lernt, die überall weiterhelfen. Es ist zwar beruhigend, dass ich jederzeit als Anwalt anfangen könnte. Aber wenn es gut läuft, bleibe ich lieber mein eigener Chef.“

          Lisa Gradow, 23, Gründerin von Usercentrics

          LISA GRADOW, 23, GRÜNDERIN VON USERCENTRICS

          „Ende 2017 habe ich das Start-up Usercentrics mitgegründet, das Unternehmen mit einer Software bei der Verwaltung von Nutzereinwilligungen im Rahmen der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) unterstützt. Das war die richtige Idee zur richtigen Zeit. Wir konnten direkt namhafte Konzerne als Kunden gewinnen, haben Millionen Investitionsgelder bekommen und sind schnell auf über 20 Mitarbeiter gewachsen. Zuvor arbeitete ich in der Legal-Abteilung bei einem der größten Fintechs für Robo-Advisors an der internen Umsetzung der DSGVO. Das war spannend. Aber neben der Juristerei interessiert mich noch viel mehr: Sales, Strategie, Marketing, Finanzierung, Kreatives. So vielfältig arbeiten kann man aber nur im Management oder eben als Gründer. Deshalb habe ich früh angefangen, in diversen Start-ups und eigenen Gründungen Erfahrungen zu sammeln. Mir war klar, dass ich nur als Unternehmerin mein berufliches Glück finden kann. Mein Jura- und mein Informatikstudium haben mir dabei enorm geholfen. Beides bereitet perfekt aufs Gründen vor: Man lernt, strukturiert zu denken, problemorientiert zu arbeiten und radikal zu priorisieren. Mein Arbeitspensum ist nun zwar fordernder als in jeder Großkanzlei, aber ich würde trotzdem niemals tauschen wollen. Das Ziel, mit einem juristisch-technischen Produkt Datenschutz für Unternehmen und Nutzer wirklich praktikabel zu machen, ist sehr erfüllend.“

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