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Grenzenlos Studieren : Die Universitäten oder Europa

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Es liegt auf der Hand, dass es sich bei der so verstandenen Europäischen Universität um eine Vision handelt, deren Verwirklichung viel Mut und einen langen Atem erfordert. Die Risiken und Anstrengungen lohnen sich allerdings angesichts der im Erfolgsfall erwartbaren Impulse sowohl für das europäische Wissenschaftssystem, das in einem Konkurrenzverhältnis mit Wissenschaftssystemen insbesondere in Nordamerika und Ostasien steht, als auch für die europäische Integration. Ein vielversprechender Ansatz wird derzeit in der trinationalen Oberrheinregion erarbeitet, wo sich die Universitäten in Basel, Freiburg, Mulhouse und Strasbourg sowie das Karlsruher Institut für Technologie unter dem Titel „Eucor – The European Campus“ auf den Weg zu einer Europäischen Universität gemacht haben. Im Jahr 2015 haben sie für ihre Zusammenarbeit, die sich seit 1989 stetig intensiviert hat, eine eigene Rechtspersönlichkeit geschaffen: einen Europäischen Verbund für territoriale Zusammenarbeit (EVTZ) namens Eucor – The European Campus, den ersten EVTZ zwischen Hochschuleinrichtungen auf europäischer Ebene. Unter dem Dach des EVTZ werden derzeit eine grenzüberschreitende Governance-Struktur und Strategieentwicklung aufgebaut und Konzepte für die weitere Zusammenarbeit in Forschung und Lehre, für gemeinsame Professuren und für gemeinsam betriebene Großforschungsinfrastruktur entwickelt. Sowohl die Erfolge beim Aufbau des European Campus als auch das große Interesse, das ihm international aus Wissenschaft und Politik entgegengebracht wird, zeigen, dass am Oberrhein ein tragfähiges Modell für die Europäische Universität entsteht. Und es gibt keinen Raum, dessen wissenschaftliche Stärke sich in gleicher Weise mit der wechselhaften Geschichte Europas im Guten und im Bösen verbindet: Hier treffen die „Kontinentalplatten“ der europäischen Geschichte aufeinander. Hier hat Europa mit Straßburg ein Epizentrum europäischen Denkens.

Auch für die Impulse, die man sich von den Europäischen Universitäten für die europäische Integration jenseits des Wissenschaftssystems verspricht, lassen sich am Oberrhein schon heute zukunftsweisende Anzeichen beobachten. Die Zusammenarbeit der fünf Universitäten entfaltet eine Sogwirkung auf die grenzüberschreitende Zusammenarbeit auch in anderen Sektoren und Bereichen des öffentlichen Lebens. Eines von vielen Beispielen: Aus der intensiven Zusammenarbeit der oberrheinischen Universitäten ergibt sich der Bedarf eines grenzüberschreitenden Semestertickets für die Studierenden und einer grenzüberschreitenden Koordination des öffentlichen Personennahverkehrs. Gemeinsame Studiengänge und Lehrveranstaltungen, gemeinsame Forschungsprojekte, aber auch gemeinsam betriebene Infrastruktur werden sich schließlich nur dann erfolgreich realisieren lassen, wenn die einzelnen Standorte des European Campus untereinander gut zu erreichen sind. Und davon werden mittelfristig nicht nur die Studenten und Wissenschaftler des European Campus profitieren, sondern sie wird dafür sorgen, dass die trinationale Oberrheinregion jenseits des Wissenschaftssystems zu einem kleinen Europa zusammenwächst.

Versteht man unter Europäischen Universitäten also Universitäten, die bis in ihre Substanz und in allen ihren Leistungsdimensionen von der europäischen Perspektive durchdrungen sind, dann sind ambitionierte Universitätsverbünde in Grenzregionen ein überzeugendes Modell. Die Grenzregionen erweisen sich damit als Impulsgeber des europäischen Wissenschaftssystems und als Keimzellen einer neuen Dynamik des europäischen Projekts. Denn die Grenzregionen ermöglichen es auf kleinem Raum, europäische Interkulturalität und Vielfalt produktiv werden zu lassen und auf diese Weise Potentiale für Forschung und Lehre zu entfalten. Ihre Sogwirkung auf andere Sektoren und Bereiche der Gesellschaft steht außer Frage. Wissenschaft als das Fundament, dessen Europa bedarf, stiftet demnach nicht – wie es sich Novalis in seinem „Europa“-Essay von der Religion versprochen hat – eine homogene, sich aus Gefolgschaft ergebende Einigkeit der Gläubigen, sondern eine vielstimmige Einigkeit, in der es Vielfalt, Unterschiede und Spannungen gibt, die aber für die europäische Idee fruchtbar gemacht werden.

Der Autor ist Rektor der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg.

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