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Gleichgültige Lehrer : Die Schule der Gewalt

  • -Aktualisiert am

Gefürchtete Fingerschläge: Francis William Edmonds „The Punishment“ (1850) Bild: Bridgeman Images

Die Schule ist für viele Kinder längst kein sicherer Ort mehr. Zwar ist die körperliche Züchtigung längst abgeschafft, jedoch wächst die verbale Gewalt. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Die Schule, nächst dem Elternhaus die mächtigste Erzieherin, ist für alle Kinder gesetzliche Pflicht, für viele eine große Chance und für manche ein Verhängnis. Das gilt etwa für Sofia. Sie hatte in der fünften Gymnasialklasse durchweg gute Noten. Nach der Versetzung ging es mit ihren Leistungen rasch bergab. Misslungene Klassenarbeiten, das Halbjahreszeugnis, der „blaue Brief“ zum Warntermin fruchteten nicht. Sie blieb sitzen und wurde „querversetzt“ in den Realschulzweig einer entfernt gelegenen Gesamtschule. Sofia hatte diese Entwicklung ohne erkennbare Reaktion hingenommen. Der Klassenlehrer hatte die Eltern zweimal zum Gespräch gebeten. Sie waren nicht gekommen.

          Am vorletzten Schultag raffte Sofia sich auf; sie wollte endlich etwas tun. In der großen Pause erschien sie im Sekretariat und erklärte, den Direktor sprechen zu müssen. Die Sekretärin lehnte das brüsk ab. Da ging das Kind durch die geöffnete Tür ins Direktorzimmer und erklärte dem verdutzten Schulleiter, er müsse etwas für sie tun. Bevor er überhaupt reagieren konnte, sprudelte sie in einem Wortschwall alles heraus, was sich im Schuljahr in ihr angestaut hatte: Sie lebt abwechselnd bei den geschiedenen Eltern, die sich gegenseitig beim Jugendamt wegen Vernachlässigung des Kindes anzeigen. Zehnmal im letzten Jahr hatte sie die Wohnung gewechselt, war gependelt zwischen der psychisch kranken Mutter und dem gleichgültigen Vater. Bei dieser Umzieherei waren allmählich die Schulsachen verloren gegangen, und Lernen sei unter solchen Umständen sowieso unmöglich gewesen. Sie wolle unbedingt in ein Kinderheim, dann hätte sie endlich Ruhe und könnte wieder mit gutem Erfolg lernen. Das Sitzenbleiben sei ja in Ordnung, aber sie müsse unbedingt an dieser Schule bleiben – auch wegen ihrer Freunde, die zu ihr halten. Sonst habe sie ja niemanden. Der Direktor unterbrach sie und sagte gemäß ihrer Erinnerung: „Das ist eine Unverschämtheit, einfach so hier hereinzuplatzen! Was bildest du dir eigentlich ein? Was glaubst du, wie viele Scheidungskinder hier rumlaufen? Müssen wir für euch vielleicht eine Sonderschule aufmachen? Raus jetzt!“

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