https://www.faz.net/-gyl-9cm2z

Gespräch mit Peter-André Alt : Ich wünsche mir Mut zur Unterscheidung

  • -Aktualisiert am

Peter-André Alt ist neuer Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Bild: Andreas Pein

Alles drängt in die Forschung. Und wo bleibt die Lehre? Im Interview erklärt Peter-André Alt, neuer Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, wie sich die Universitäten und das Studium entwickeln sollen.

          4 Min.

          Herr Professor Alt, Sie haben sich in einem Zeitungsartikel einmal über die Euphemismen der Wissenschaftsadministration beschwert. Dauernd würden neue Wege gebahnt, Veränderungen angestoßen, Prozesse konstruktiv begleitet. Als Präsident der Hochschulrektorenkonferenz kommt das alles auf Sie zu. Am Anfang Ihrer Amtszeit daher die Frage: Wie bringt man Schönheit, Freiheit, Geist an die Universitäten?

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Idee der Universität liegt tatsächlich in ihren kreativen Freiräumen, und die sind in den letzten zwanzig Jahren durch Konformitätsdruck kleiner geworden. Das müssen wir an den Universitäten wieder stark machen, indem wir nicht alles der Organisation überlassen, sondern ihnen ein Höchstmaß an Individualität zugestehen.

          Wie soll das geschehen?

          Generell sollten wir mit mehr Mut zum Experiment und kreativen Modellen arbeiten. Bei den Lehrenden ist das Opus-Magnum-Programm der VW-Stiftung, das Wissenschaftler ein Jahr für ein großes Buch freistellt, ein wunderbares Beispiel.

          Und bei den Studenten?

          Warum nicht eine Schulung ihrer rhetorischen Fähigkeiten? Und warum gibt es eigentlich kein Studententheater mehr? Die Universitäten sollten überhaupt mehr für ihre Debattierkultur, für ihren Stil, ihr Formbewusstsein und ihre individuelle Geschichte tun. Hier ist manches in Vergessenheit geraten, was einmal selbstverständlicher Teil der Universität war. Und übrigens auch immer noch Teil dieser großen Universitäten wie Harvard oder Oxford ist, an denen wir uns ja sonst immer gern orientieren sollen. Ich wünsche mir eine Wiederbelebung solcher Traditionen.

          Die HRK gilt als zerstrittener Haufen, zerrieben im Kampf zwischen Fachhochschulen und Universitäten. Wie wollen Sie aus ihr wieder eine vernehmbare Stimme machen?

          Unser Hochschulsystem muss sich über seine innere Differenzierung klar sein. Daran halte ich fest. Daher wird auch das Promotionsrecht bei den Universitäten bleiben müssen. Die Tendenz zur Vereinheitlichung, wie wir sie in den letzten fünfzehn Jahren beobachten konnten, ist gefährlich, weil sie Uniformität fördert. Das haben wir in manchen Bereichen der Exzellenzinitiative beobachten können. Ich wünsche mir mehr Mut zur Unterscheidung und auch mehr Unterstützung dabei durch die Politik. Dazu möchte ich an der HRK einen Beirat gründen, der diesen Fragen nachgeht, aber auch politische Schlussfolgerungen vorlegt.

          Den Ruf nach Differenzierung werden die Fachhochschulen, die in die Forschung drängen, nicht gerne hören.

          Was die Fachhochschulen betrifft, plädiere ich für eine deutliche Erweiterung ihrer Forschungsbudgets, auch im Sinne der regionalen Wirtschaftsförderung. Bei dem jetzigen Niveau können wir nicht stehenbleiben.

          Etwa in der Form einer Deutschen Transfergemeinschaft mit einem Etat von einer Milliarde Euro, wie sie die Fachhochschulen fordern? Das Geld würde ja an anderer Stelle fehlen und zur Vernachlässigung der Lehre an den Fachhochschulen führen.

          Ich meine, dass Fachhochschulen für die Transferforschung mehr Mittel brauchen. Das sollte ein eigenes Förderfeld sein. Man könnte das an eine bestehende Einrichtung binden. Deren budgetäre Aufstockung, durchaus im Rahmen der geforderten Milliarde, hätte den Vorteil, dass man nicht nochmals eine eigene Institution schaffen würde.

          Wo wir schon vom Geld sprechen: Der Hochschulverband hat gerade gefordert, dauerhafte Hochschulinvestitionen des Bundes als Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern in der Verfassung zu verankern. Zweitens schlägt er vor, dass der Bund nur dort investiert, wo die Länder ihre Bildungsausgaben steigern. Eine gute Idee, um die Länder zu mehr Investitionen in die Hochschulen zu bewegen?

          Das ist ein guter Vorschlag, den ich mit großer Zustimmung gelesen habe. Als Disziplinierungsinstrument für die Länder halte ich eine Belohnung echter Aufwüchse in deren Bildungsausgaben für richtig. Die schlechte Praxis, dass der Bund oben investiert, während die Mittel unten in den Länderhaushalten für andere Ausgaben versickern, sollte nicht fortgesetzt werden. Die Verstetigung des Hochschulpaktes ist jetzt klar. Wir fordern angesichts unserer erweiterten Aufgaben allerdings jährliche Aufwüchse, die denen der außeruniversitären Forschungseinrichtungen entsprechen.

          Weitere Themen

          Wege aus der digitalen Steinzeit

          Hochschullehre : Wege aus der digitalen Steinzeit

          Der klassischen Hochschullehre fehlt es an so einigem: Qualitätssicherung, Transparenz, Zielgruppendifferenzierung – und Aufmerksamkeit der Studierenden. Die Digitalisierung ist der Schlüssel zur Lösung. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Die Demokratin Nancy Pelosi gerät im Weißen Haus mit Präsident Donald Trump aneinander.

          Trump gegen Pelosi : Da oben ist was nicht in Ordnung

          Syrien, Ukraine – und die eigene Partei: Donald Trump kämpft an mehreren Fronten. Das geht an die Substanz des amerikanischen Präsidenten. Das zeigt auch der heftige Streit mit Nancy Pelosi. Unterdessen verschärft sich die Konfrontation mit dem Kongress.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.