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Geschichtspolitik in Athen : Die Partisanen bekommen immer noch Zulauf

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Generalfeldmarschall Walther von Brauchitsch (4.v.l.) besichtigt die Akropolis in Athen, nach der Eroberung Griechenlands durch die Wehrmacht im April 1941. Bild: Picture-Alliance

In Griechenland war die Erinnerung an die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg lange durch den Parteienstreit bestimmt. Könnte sich die Stimmung gegen die Politiker wenden?

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          Die Schlacht um die Gegenwart scheint geschlagen: Das dritte Hilfsprogramm für Griechenland ist ausgelaufen. Ministerpräsident Alexis Tsipras hat das Ende der internationalen Hilfen nach rund neunjähriger Schuldenkrise als einen „Tag der Befreiung“ gepriesen. Er hat damit zur Markierung der historischen Zäsur noch einmal, wenn auch denkbar allgemein, eine Terminologie bemüht, die Assoziationen an die Zeit des Zweiten Weltkriegs weckt. Bis heute ist die griechische Erinnerung an die deutsche Besatzung eine gespaltene. Wer diesen Konflikt innerhalb Griechenlands verstehen will, der greife zu einem erhellenden Aufsatz von Chryssoula Kambas, Professorin für Neuere deutsche Literatur in Osnabrück, und Marilisa Mitsou, Professorin für Neogräzistik an der LMU in München („Zwei Gedächtnisse einer Vergangenheit und ihre Gegenwart“, in: „Die Okkupation Griechenlands im Zweiten Weltkrieg. Griechische und deutsche Erinnerungskultur“. Hrsg. von Chryssoula Kambas und Marilisa Mitsou. Böhlau Verlag, Köln 2015).

          Die Gründe für die bis heute anhaltende Spaltung im griechischen Gedächtnis sind vielfältig. Jahrzehntelang hielt der innergriechische Streit um den „nationalen Widerstand“ an. Ihm schlug nach Ende des Bürgerkrieges 1949 die siegreiche Rechte auch Kollaborateure der bulgarisch-deutsch-italienischen Okkupation zu; dabei ging es etwa um die Zulassung zum öffentlichen Dienst und um Ansprüche auf „Ehrenrenten“. Ausgegrenzt, real wie metaphorisch, wurden dagegen die „Banditen“, so die dem von den nationalsozialistischen Besatzern verwendeten Begriff „Banden“ analoge Bezeichnung für die linksgerichtete Widerstandsgruppe EAM (Ethnikó Apelevtherotikó Métopo – Nationale Befreiungsfront). Der Widerstand, den die Mehrheit der politisch aktiven Bevölkerung bis 1944 getragen hatte, war nun als Verbrechen oder Verrat abgestempelt und entsprechend tabuisiert.

          Erst 1982 revidierte die Regierung Andreas Papandreou die Grenzziehung zwischen dem anerkannt „nationalen“ und dem in der Folge des Bürgerkrieges verteufelten „kommunistischen“ Widerstand. Damit sah sich der EAM-Widerstand gleichfalls als „nationaler“ rehabilitiert, die EAM selbst als Widerstandspartei anerkannt. Papandreous sozialdemokratische Partei Pasok schuf ihrem Machtanspruch eine Legitimität ante ovum. Sie konstruierte eine rückwirkende Kontinuität seit dem Kampf gegen die deutsche Besatzung und beschrieb sich als Opfer der Geschichte – mit Erfolg: Der Anspruch auf das Erbe der linken Bürgerkriegspartei wird in so pathetischen Formen erhoben, bemerken Kambas und Mitsou sarkastisch, als ginge es um die Anerkennung als Weltkulturerbe der Unesco. Einem auf nationale Integration ausgerichteten Geschichtsbewusstsein wird so nicht vorgearbeitet.

          Keine gemeinsame Erinnerung in Griechenland

          In den postdiktatorischen Kontext der Demokratisierung stellen Kambas und Mitsou das Konzept einer Wanderausstellung, die 1986/87 in den Goethe-Instituten Griechenlands gezeigt wurde: Thema waren die deutschen Überläufer der Wehrmacht auf die Seite der Griechischen Volksbefreiungsarmee ELAS (Ethnikós Laikós Apelevtherotikós Stratós), des militärischen Arms der EAM. Die Ausstellung visualisierte quellenbasiert den Widerstand innerhalb der deutschen Besatzungstruppen. Prominentes Beispiel war die Desertion von Wolfgang Abendroth zur ELAS. Jürgen Habermas, Schüler des Marburger Politologen und Staatsrechtlers, hatte ihn 1966 zum sechzigsten Geburtstag in der „Zeit“ als „Partisanenprofessor im Land der Mitläufer“ gewürdigt. Dieses von Habermas als Ruhmesblatt gemeinte Etikett wurde von Abendroths Kritikern in der westdeutschen Öffentlichkeit noch zwanzig Jahre später denunziatorisch zweckentfremdet. Hingegen betrachtete die Geschichtsforschung in der DDR den innerdeutschen Widerstand in Griechenland als Teil des eigenen Antifaschismus in der Tradition des deutschen Exils in der Sowjetunion.

          In Athen wiederum wurden 1989 die Archive der seit der Diktatur von Ioannis Metaxas existierenden Sicherheitspolizei vernichtet, was aus Sicht der Rechten wie auch teilweise der Linken erfreulich war. Die Kollaboration, die man nach Graden unterscheiden muss, vom griechischen Verwaltungsbeamten, der dem deutschen Militär unterstand, über den Denunzianten bis zum Legionär, blieb ein hartes Tabu – sie wurde erst im letzten Jahrzehnt historisch detailliert aufgearbeitet.

          Doch trotz der Anerkennung des EAM-Widerstands gibt es bis heute keine gemeinsame Erinnerung in Griechenland. Daran haben auch die Reparationsforderungen der gegenwärtigen Athener Regierung gegenüber Deutschland nur oberflächlich etwas ändern können – zu sehr ist die nun bemühte Einheit des Gedächtnisses medial und parteipolitisch erzeugt, steht sie im Dienst der Tagespolitik.

          Aufhorchen lässt, was Kambas und Mitsou von Antworten griechischer Bürger berichten, wenn diese nach ihrer Einstellung zur Wehrmacht-Okkupation und deutschen Reparationen gefragt werden: „So reden die Politiker, das hat mit meiner Sicht der Geschichte und den Deutschen heute nichts zu tun.“ Könnte nicht ein solches Denken die Grundlage sein für eine gemeinsame Erinnerung nicht nur in Griechenland, sondern auch zusammen mit Deutschland?

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