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Geschichtliches Wissen : Der historische Analphabetismus wächst

  • -Aktualisiert am
Mehr historisches Wissen ist nötig: Mehr als die Hälfte der Schüler kennt das Jahr des Mauerbaus nicht.
          3 Min.

          Mit dem historischen Wissen der Deutschen steht es nicht zum Besten. Das betrifft nicht nur die schulisch und medial ausführlich behandelte Zeit des Nationalsozialismus. Nein, es geht auch um die Epochen vor 1933. Unter den jungen Leuten können an die 80 Prozent weder mit 1789 noch mit 1848 etwas anfangen. Würde man nach dem Mittelalter oder gar der Antike fragen, so wäre die Bilanz noch ernüchternder. Skandalös unterbelichtet oder von Legenden geprägt ist gut zwanzig Jahre nach dem Mauerfall sogar das Wissen der Schüler über die DDR. Laut einer Studie des „Forschungsverbundes SED-Staat“ der Freien Universität Berlin kennt mehr als die Hälfte der Schüler das Jahr des Mauerbaus nicht. Nur jeder Dritte weiß, dass die Mauer von der DDR gebaut wurde. 71 Prozent aller Schüler finden es gut, dass in der DDR jeder einen Arbeitsplatz gehabt hat. Außerdem sei es der Umwelt - und den Rentnern - dort besser gegangen als in der Bundesrepublik.

          Die Zeit dieses historischen Analphabetismus wird bald vorbei sein, wenn es nach Lehrplankonstrukteuren und Geschichtsdidaktikern geht. Ganze Litaneien zu fördernder, historisch relevanter Kompetenzen hat man sich für einen neuen Geschichtsunterricht ausgedacht: die Frage-, Orientierungs-, Methoden-, Begriffs-, Strukturierungs-, Handlungs-, Analyse-, Wahrnehmungs-, Urteils-, Dekonstruktions-, Rekonstruktions- und die narrative Kompetenz. Einmünden sollen diese Kompetenzen - je nach Abstraktionsgrad - auf einer elaborierten, intermediären oder basalen Ebene in die Sprach-, Lern-, Sozial- und Personal-Kompetenz. Damit aber wird der „neue“ Geschichtsunterricht zum Problem, als dessen Lösung er sich ausgibt - so zum Beispiel das von Geschichtslehrern und Historikern zu Recht heftig kritisierte und 2011 in Kraft getretene hessische „Kerncurriculum“ Geschichte.

          Verbalkosmetik, die nicht an den Wurzeln ansetzt

          Die skizzierte geschichtsdidaktische Verbalkosmetik wird ihr Ziel verfehlen, weil sie nicht an den Wurzeln des historischen Analphabetismus ansetzt. Deshalb steht zu befürchten, dass mit der „modernen“ Kompetenzenpädagogik abermals eine Furie des Verschwindens in Szene gesetzt wird, ein endgültiges Verschwinden der konkreten Inhalte aus dem Geschichtsunterricht. Also Geschichtsunterricht ohne Geschichte?

          Dabei hat der Geschichtsunterricht bereits zwei Amputationen hinter sich. Zum einen ist dem Schulfach Geschichte teilweise seine Eigenständigkeit abhandengekommen. In manchen deutschen Ländern wurde das Fach Geschichte mit Geographie und Politik/Sozialkunde, verschiedentlich sogar mit Wirtschaft zu einem Fächermix vereint. In Bremen heißt das Mischfach „Lernbereich Welt und Umwelt“, in Mecklenburg-Vorpommern „Weltkunde“, in Nordrhein-Westfalen und in Rheinland-Pfalz „Gesellschaftslehre“ und im Saarland „Lernbereich Gesellschaftswissenschaften“. Integriert in ein solches Sammelsurium, besteht aber die Gefahr, dass Geschichte verfremdet und gesellschaftspolitisch instrumentalisiert wird. Ideologisierte hessische und nordrhein-westfälische Rahmenrichtlinien der siebziger Jahre lassen grüßen.

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